Der kritische Denker
Nachruf auf Eugen Gabowitsch
Uwe Topper
Berlin · 2009
eugen gabowitsch
Ein kritischer Denker und glänzender Organisator ist nicht mehr: Dr. Eugen Gabowitsch (30.8.1938-21.1.2009)

Geboren 1938 in Dorpat in Estland, und daher mit drei Sprachen gesegnet: Estnisch, Russisch und Deutsch, hat er in diesen drei Ländern sowie in Englisch publiziert. Seine Ausbildung in angewandter Mathematik schloß er 1969 in Sankt Petersburg mit dem Doktortitel ab und spezialisierte sich auch auf technische Anlagen und Umweltforschung. Mehr als zwanzig Jahre arbeitete er im Forschungszentrum in Karlsruhe. Nach seiner Pensionierung zog er nach Potsdam, wo er einige angenehme Jahre in höchster Forscheraktivität lebte, bevor ihn ein schweres Krebsleiden nun auslöschte.

Zur deutschen Chronologiekritik stieß er erst vor etwa zehn Jahren, war dann aber sofort eifrig bei der Sache und setzte viele neue Marken, die ihn als Pionier dieser recht jungen Forschungsrichtung erweisen. Dabei erschloß er immer neue Themen, lernte sogar Chinesisch und reiste nach China, um die dortige Historiographie in die geschichtsanalytische Arbeit einzubeziehen. Eine seiner Veröffentlichungen in Efodon-Synesis trug den provozierenden Titel: "Wurde die Chinesische Mauer im 20. Jh. erbaut?"

Wollte ich alle Schriften, Aufsätze, Bücher, Abhandlungen usw. von Eugen Gabowitsch aufzählen, ergäbe das ein Buch für sich!

Als ausgesprochen humorvoller und gastfreier Mensch, dazu maßlos arbeitsam, scharte er zahlreiche Freunde und Zuhörer um sich und gründete 1999 den Karlsruher Geschichtssalon (in Anlehnung an den ersten Geschichtssalon in Berlin), der monatlich tagte und ungewöhnlich vielseitige Themen zur Diskussion gestellt hat. Nach seiner Pensionierung und dem Umzug nach Potsdam 2002 gründete er hier zusammen mit Uwe Topper den Geschichtssalon Potsdam, wo die neuen Thesen in monatlichen Treffen lebendig vorgestellt wurden.

Seit dem Jahr 2000 gab Gabowitsch eine elektronische Zeitschrift im Internet heraus, deren Diskussions-Forum viel besucht wird und häufig Anlaß zu unpassenden Streitigkeiten bot, weshalb er sich später entschloß, das Forum aufzuteilen in eins für Einsteiger und Gegner und ein zweites für die altbewährten Mitarbeiter.

Dank seiner Kenntnis der russischen Sprache stand er in regem Kontakt mit den russischen Geschichtsrevisionisten und stellte deren Werke in Vorträgen in Deutschland vor, besonders die Bücher des russischen Klassikers der Chronologiekritik, Nikolaj Morosow. Gabowitsch versuchte, eine engere Kooperation zwischen den deutschen und russischen Kritikern der Chronologie zu initiieren, vor allem mit den Mathematikern Prof. Dr. Anatolij Fomenko, Dr. Gleb Nossovskij, Prof. Dr. Vladimir Kalashnikov, Prof. Dr. Alexander Guts u.a. Auch an der amerikanischen Internet-Seite von Igor Shumakh hat er mitgearbeitet.

Unvergeßlich ist mir die Reise mit Eugen Gabowitsch und Christoph Marx nach London zu einem Treffen der ISIS-Gruppe am 7. Nov. 1998, wo wir erstmals persönlich Gelegenheit hatten, die deutsche Szene zu vertreten und unsere eigenen Forschungsergebnisse vorzutragen.

Als Ersatz für den inzwischen eingeschlafenen ersten Berliner Geschichtssalon riefen wir 2006 den Neuen Geschichtssalon zu Berlin ins Leben, der (außer im Sommer) ebenfalls monatlich tagte, allerdings nur geringe Beteiligung verzeichnete.

Viele unserer gemeinsamen Arbeitsgebiete sind heute schon Geschichte und in zahlreichen Internet-Rubriken auffindbar, was vor allem auf seine Initiative zur ückgeht, nicht immer zur Freude seiner Mitarbeiter, die zuweilen eher bescheiden vor sich hinarbeiten wollten oder zumindest abwarten wollten, bis eine etwas ausgereiftere Form zur Veröffentlichung fertig war. Denn das war eine seiner Eigenschaften: vorpreschend das Neueste aus dem Forschungslabor in die Welt posaunen, Diskussionen auslösen und Gewohnheiten aufbrechen, ja schockieren.

Seine beiden neuen geschichtskritischen Bücher in Russisch waren sofort ein großer Erfolg, was nicht nur der Neuigkeit seiner Ideen zuzuschreiben ist, sondern auch dem humorvollen Stil, der vor allem im Russischen seine Schriften kennzeichnet und ein Lesevergnügen bereitet.

gabo-china

Die außergewöhnliche Wodkaflaschen-Sammlung von Gabowitsch steht im Guinness-Rekordbuch als die größte Wodkasammlung der Welt. Er sammelte seit 1986 nicht nur Flaschen sondern auch Literatur zum Thema und schrieb auch über Wodka, aber getrunken hat er die Flaschen nicht: sie sind noch alle voll! Denn, wie er zu sagen pflegte: Echte Männer trinken Wodka ... in Maßen.

Seine letzte großen Leistung war die von ihm initiierte und geleitete vierte Internationale Tagung zur Geschichtskritik, die im September vergangenen Jahres in Potsdam statfand. Höhepunkt inmitten der zahlreichen Beiträge in Deutsch, Russisch und Englisch war die Einweihung seiner „Kulturscheune“ anläßlich seines 70. Geburtstags. Damals hatte er schon eine schwere Operation hinter sich und hoffte auf weitere Gesundung, was sich später jedoch als unmöglich erwies. Nach mehrmonatigem Leiden entschlief er in seinem Haus im Kreis seiner Familie am 21. Januar 2009.



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