Vordenker der Chronologiekritik

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In dieser kurzen Betrachtung möchte ich nicht noch einmal die (in vielen Büchern beschriebene) Kette aufrollen, die über die Humanisten und die Bollandisten zu Hardouin und von dort mit zahlreichen Gliedern über Launoy und Germon zu Hochart und Johnson bis zu Kammeier und Velikovsky geführt hat, sondern einige wenig bekannte Autoren erwähnen, die für die revolutionäre Entdeckung von Heinsohn, Blöss, Niemitz und Illig wie vorarbeitende Forscher gewirkt haben, ohne daß ein direkter Zusammenhang erkennbar wäre.

Berlin · 2009  Uwe Topper topper

Beginnen wir mit Gustav Wyneken: Der große Erzieher schrieb in seinem Hauptwerk „Weltanschauung“ (1934 bis 36 geschrieben und in erster Auflage sogleich verkauft, dann aber von der Partei untersagt, die 2. Auflage erschien erst 1947 mit amerikanischer Lizenz) einen Satz, der stutzig macht:

„Es gehört zu den merkwürdigsten Erkenntnissen auf dem Gebiet der menschlichen Geistesgeschichte, daß schon der Mensch des Diluviums – der, nach wohl übertriebener Schätzung, Jahrhunderttausende, sicherlich aber Zehntausende von Jahren vor uns gelebt hat, und der jedenfalls vom heutigen Menschen sich noch durch tierähnliche Merkmale seines Baues erheblich unterscheidet – daß dieser Urmensch bereits seine Toten bestattet und ihnen Werkzeuge, Waffen und Schmuck mit ins Grab gegeben hat, was unzweideutig seinen Glauben an ein Fortleben nach dem Tode beweist.“ (2. Aufl. S. 180).

Damit wird die damals schon ausgeuferte Zeitspanne für die Menschheitsentwicklung auf ein Zehntel verringert. Was hätte er erst zu den Millionen Jahren gesagt, die heute gelehrt werden? Die vorsichtige aber doch eindeutige Ausdrucksweise Wynekens, der niemanden verletzen oder umerziehen möchte und seine Erkenntnis nur als Einschub bringt, auf diesen aber nicht verzichten will, macht deutlich, daß dieses Wissen, es handele sich bei den Hunderttausenden von Jahren um übertriebene Schätzung, während Zehntausende schon groß genug sind („sicherlich“ heißt hier nicht „sicher“, sondern „wohl, vermutlich“) durchaus naturwissenschaftlich erworben ist, denn es wird zusammen mit den tierähnlichen Merkmalen des Körperbaus diluvialer Menschen gebracht.

Da Chronologie (leider) nicht zu seinemThemenkreis gehörte, erfahren wir nicht mehr über seine Anschauungen in dieser Hinsicht. Ganz sicher war er seinerzeit nicht der einzige, der „vernünftig“ weiterdachte, während um ihn herum die Inflation der Jahreszahlen ausgebrochen war.

Schon vierzig Jahre vor ihm hatte ein vielgelesener Philosoph einen anderen Hinweis gegeben: Eugen Dühring! In seinem Buch „Wirklichkeitsphilosophie“ (Leipzig 1895) hatte er die „lange Pause“ zwischen den griechischen Naturwissenschaftlern und den Denkern der Renaissance, wie Kopernikus und Kepler, zur Sprache gebracht und diese Pause auf das „Verlehrtentum“ seiner eigenen Zeit zurückgeführt, also nicht als historischen Tatbestand anerkennt. Noch kenne ich diese Stelle in Dührings Werk nicht, weiß auch nicht, ob er sich mehrfach dazu ausspricht. Mir ist nur durch freundlichen Hinweis von Gunnar Porikys (Potsdam) eine Besprechung dieses Buches durch Wilhelm Foerster (in: Ethische Kultur, Berlin 21.9.1895, S. 301) bekanntgeworden, in der Foerster wegen dieser Aussage den Philosophen Dühring der „fachmännischen Unkenntnis“ zeiht, was in diesem Zusammenhang und mit der anschließenden Argumentation von Foerster gerade auf letzteren zurückfällt.

Noch weiter zurückreichend ist an Reinhold Pallmann zu erinnern, der sich nicht in kleinen Hinweisen sondern mit großen Böllerschüssen zu den inflationären Jahrtausenden geäußert hat. Mit ihm hätte ich die Reihe beginnen sollen, denn er ist in der hier aufgestellten unsichtbaren Kette der älteste Autor.

Reinhold Pallmann war ein aktiver Chronologiekritiker im 19. Jahrhundert, er legte in seinem Buch „Die Pfahlbauten und ihre Bewohner“ (1866) einige Normen fest, die eigentlich von allen Vorgeschichtlern seiner Zeit hätten aufgegriffen werden müssen. Dabei spielt der Begriff „Evidenz“ (S. 88; heute bei G. Heinsohn ein Schlüsselwort) als Methode eine wichtige Rolle.

Der Berliner Gymnasialprofessor Pallmann erklärt in dem genannten Buch, wie unsinnig es ist, die vorgeschichtlichen Funde (er bespricht speziell die Pfahlbauten) nach den verwendeten Materialien Stein, Bronze und Eisen in nacheinander ablaufende Zeitgruppen einzuteilen, wo wir doch anhand der Funde deutlich erkennen können, daß alle diese Materialien nebeneinander benützt wurden. Solches Vitrinendenken ist typisch für denkfaule Museumsverwalter. Auch die hohen Jahreszahlen, die durch die Geologen verursacht wurden, greift Pallmann mit aller logischen Schärfe an und stellt ein humaneres Zeitmaß dagegen. Leider wurden seine vernünftigen Gedanken abgelehnt, wonach sich das heutige absurde Geschichtsbild durchgesetzt hat. Schon im Vorwort sagt er: „Die Pfahlbauten und ihre Bewohner sind weit jünger, als die alterthumssüchtige Forschung sie bisher fast durchweg machte!“ Er läßt sie nur eine Dauer von vielleicht 500 Jahren erreichen und in Cäsars Zeit enden, also statt zwischen 2300 und 1500 v.Chr., wie von seinen Kollegen an bis heute üblich, lebten die Pfahlbauleute etwa zwischen 500 v.Ztr. und 0.

Auch das sieht er selbst noch als vage Einordnung an, aber zu Demonstrationszwecken zunächst brauchbar. Mit einigen Hinweisen legt er sogar den Schluß nahe, daß gewisse Pfahlbauten im Mittelalter (weiter-)existierten. Seine Gründe dafür stellt er mit aller wissenschaftlichen Genauigkeit vor und erweist sich damit ganz auf der Höhe seiner Zunft, nur daß er eben die Chronologie in Frage stellt, und nicht etwa die der christlichen Zeitrechnung allgemein, sondern die damals aufkommende vorgeschichtliche Fantasterei.

Die ein Jahrzehnt vor Erscheinen des Buches gerade erst entdeckten Pfahlbauten müssen ohne vorgeprägtes System untersucht werden, fordert Pallmann (S. 89 f.), weil ja alles noch unsicher ist und in der Luft schwebt. Gerade an diesen handfesten Fundgegenständen ließe sich die Altertumsgeschichte auf solide Grundlagen stellen! „Auch die bloße Vernunft, das bloße selbständige Nachdenken kann eine wesentliche Hilfe leisten, um allgemein verbreitete Annahmen von vorneherein abzuweisen.“ (S. 90)

Das Alter der Pfahlbauten (S. 77) wird von einigen Forschern, welche vorwiegend geologische Verhältnisse dabei berücksichtigen, sogar auf 6750 Jahre, ja auf 11.000 Jahre angesetzt. Dabei ist die Verschlammung oder Vertorfung mit rund angesetzten Jahrespaketen der Maßstab gewesen, etwa so: Wenn ein Schwert einige Meter tief im Torf steckt, muß es entsprechend alt sein, denn Torf wächst pro Jahrhundert einen Fuß (etwa 40 cm), usw. Daß es beim Hineinfallen auch tiefer dringen kann, wird nicht in die Rechnung einbezogen. „Es ist überhaupt ein weitverbreitetes und tief eingewurzeltes Bestreben, Gegenstände der Alterthumskunde in ein recht hohes Alter zu setzen. Als ob der Fund dadurch werthvoller würde!“ (S. 78). Solche Sätze klingen uns heute wieder sehr vertraut.

Die Behauptung nämlich, daß die Pfahlbauten in geologische Zeitalter zurückreichen, weil in ihnen Funde von Knochen der Urwelttiere gemacht wurden, muß man sehr relativieren, sagt Pallmann; der Auerochs lebte noch recht lange in Mitteleuropa, ebenso der Biber. Unsere Kenntnisse sind unvollkommen. „Weder Aristoteles, noch Plinius, noch irgendein Schriftsteller des Alterthums kennt eine Ratte in Europa.“ (S. 65) Auf den Müggenburger Pfahlbauten bei Wismar wurden sogar zwei verschiedene „Racen“ von Hausratten gefunden. „Die Hausratte wird erst im 13. Jahrhundert ... ausdrücklich genannt, ... die stärkere Wanderratte ... erst am 13. und 14. Oktober 1727.“ Könnten die Pfahlbauten so jung sein? Sie können, ja, sie müssen vielleicht sogar recht jung sein, mittelalterlich, wie Pallmann hin und wieder vorschlägt.

Auch Überlegungen zur Kulturhöhe führen zu anderen Ergebnissen als den von den tonangebenden Altertumsforschern des 19. Jahrhunderts erarbeiteten. Wer so feine Leinenkleidung, sogar in Köpertechnik, auf Webstühlen herstellte, wer Eisensporen und Trensen für die Pferde benützte, Handelsware in genormter Form in großen Mengen lagerte, Beziehungen über Tausende von Kilometern hin pflegte, wie an einigen Handelsobjekten ablesbar ist, der hatte keine „primitive“ jungsteinzeitliche Kultur, sondern eine recht moderne.

Wo wir Berge von Feuersteinklingen vorfinden, müssen wir nicht gleich auf vormetallzeitliche Kultur schließen. Ich habe das selbst mal in Afghanistan mit Staunen festgestellt: Auf einem Hügel voller wertloser Feuersteinbruchstücke stehend glaubte ich, eine neolithische Werkstatt vor mir zu haben, wogegen mir ein junger Afghane glaubwürdig versicherte und ganz einfach auch zeigen konnte, daß hier die für die altmodischen Vorderlader nötigen Feuersteinsplitter zugeschlagen wurden, und das noch zur Lebenszeit seines Großvaters. In ähnlichem Sinne zitiert Pallmann den damals führenden Pfahlbautenfachmann, Ferdinand Keller (S. 102 f.), der die „wirklich staunenswerthe Menge“ von Feuersteinabfällen in allen Größen und Formen beschreibt, die im Zusammenhang mit Pfahlbauten gefunden wurden, denn vor der Erfindung der Phosphor-Feuerzeuge versorgte diese Werkstatt „seit Menschengedenken“ die weite Umgebung mit den lebensnotwendigen Feuersteinen, die mit Hilfe eines eisernen Werkstückes zum Funkenschlagen verwendet wurden. Das dazugehörige Feuerstahlstück kam aus einer anderen Gegend. Dieses sehr robuste Feuerzeug war bei uns (laut Meyers Lexikon) vom 14. oder 15. Jahrhundert bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts in Gebrauch.

So spricht Pallmann auch von regelrechten Fabriken, die auf jeweils ein Erzeugnis spezialisiert waren, was allein schon besagt, daß es sich hier nicht um autarke Steinzeitmenschen handelt, sondern um kluge Handwerker und Händler. Und das ganze funktioniert nur in einer friedlichen Umgebung, in der Verträge eingehalten werden. Damit fällt der wehrhafte Charakter der Pfahlbauten weg, die meisten lagen ohnehin nur wenige Schritte vom Ufer entfernt. Und in diesem Zusammenhang sagt er mehrmals gegen die in völkischen Begriffen schwelgenden Kollegen: „Die Celten also, welche auf den Pfahlbauten wohnten, waren nicht ein Volk, sondern eher eine Kaste, waren Industrielle und Händler.“ (S. 150).

Statt der umständlichen Seewege nimmt Pallmann für den Bernsteinhandel (als Beispiel) die viel kürzeren Wege auf Flüssen durch Europa an. Zwischen England und Frankreich war der Kanal noch nicht aufgebrochen, die großen Flüsse wie Rhein und Themse, Weser und Elbe mündeten „vor jener großen Naturrevolution“ noch weit nördlich von Helgoland in einem großen Delta in eine Bucht der Nordsee. Als Datierung nimmt er vage das erste Jahrtausend v.Ztr. an, gibt auch nach Aristoteles die Jahreszahl 388 v.Chr. für die vor der furchtbaren Überschwemmung geflohenen Cimbern als möglichen Zeitpunkt an, ohne aber diese Zahl absolut zu setzen. Seine Argumente für das späte Aufbrechen des Kanals sind überzeugend. Er schreibt auch, daß die Ostseeküsten anders ausgesehen haben müssen als heute, und bringt dafür als ein Beispiel die „Insel“ Oldenburg und das daran hängende Fehmarn. Statt ums Kattegatt beförderte man den Bernstein nach Westen durch die Schlei zwischen Schleswig und Hollingstedt. Bei derartigen Aussagen bezieht er sich ausdrücklich auf Überlieferungen. So kann er auch besser als seine Kollegen den Zeitraum der Christianisierung der Skandinavier einordnen, die nämlich im Mittelalter durchaus noch Heiden waren.

Wann das Mittelalter bei ihm endet, ist schwer zu ermitteln, er hütet sich, konkrete Jahreszahlen zu nennen, weil er wohl weiß, wie künstlich sie sind. Aus allem zu schließen, wird er an 1500 AD gedacht haben. Kategorisch lehnt er ab, aus dem Mangel an schriftlichen Zeugnissen über den Landhandel der Bronzezeit darauf zu schließen, diesen „in eine Urzeit, in eine Zeit, wo es noch keine Schriftberichte gab, zu versetzen.“ (S. 159) Die sogenannte Bronzezeit gehört zum Mittelalter und zur Schriftlichkeit.

Über den Altertumsforscher Dr. Reinhold Pallmann, der zunächst in Greifswald und später am Königlichen Wilhelm-Gymnasium in Berlin, danach am Luisenstädtischen Gymnasium (Berlin-Kreuzberg) als Professor lehrte, ist in den mir zugänglichen Lexika nichts zu finden. Dieses Buch (er schrieb weitere, Anm. 1) erschien kürzlich als Nachdruck im Reprint-Verlag Leipzig. Dieser Verlag nimmt sich vornehmlich ‚verschollene’ Bücher vor, für die Bedarf vorhanden ist. Da Pallmann und sein Buch offiziell „verschollen“ ist und nirgends zitiert wird, lohnt sich der Aufwand für den Verlag, es jetzt wieder hervorzuholen, wo Chronologiekritik in weiteren Kreisen Anklang gefunden hat. Nach dem Zufallsfund habe ich in einem Vortrag am 10.4.6 im Berliner Salon für Forschung und Geschichte und einem Artikel in Efodon-Synesis (3/2006, S. 64-67) diesen Vordenker bekanntgemacht. (Anm. 2)

Kehren wir zurück in die zwanziger Jahre des 20. Jh.s, denn als Zeitgenosse von Wyneken muß Edgar Dacqué hier genannt werden, der die großen Katastrophen in der Frühgeschichte des Menschen verankerte.

Dazu dann ebenfalls Hörbiger und Fauth, die mit ihrem fantastischen Szenario hin und wieder Jahrmillionen zu Monaten und gar Tagen schrumpfen lassen, z.B. bei der Entstehung der Kohleflöze. Zur Menschheitsgeschichte haben sie sich m. W. nicht in dieser Form geäußert.

Dagegen haben sich andere Zeitgenossen manchmal recht drastisch ausgedrückt, wie Altheim, Blüher und Spengler. In meinem Buch „Erfundene Geschichte“ (1999, S. 128 f) schrieb ich:
„Grundlegend war Oswald Spenglers Ansatz mit seinem Jahrhundertbuch: »Der Untergang des Abendlandes« (1918-22). Er nannte das konstantinische Recht arabisch und kalifal (TB-Ausgabe 1979, S. 636), was weder in Bezug auf Sprache noch Inhalt der Gesetzgebung Konstantins im 4. Jahrhundert zutreffen kann, aber eben doch den Sachverhalt der Gleichzeitigkeit genau beschreibt.

Spengler beruft sich auf mehrere gelehrte Vorgänger bei seiner Erklärung, der Islam sei direkt aus der Spätantike im 4. Jh. entstanden und habe im 5. Jahrhundert seine volle Kraft entfaltet. Die damit implizierte Zeitverschiebung übergeht er, weil er weiß, daß er etwas Wesentliches erkannt hat. Seine Einstellung zu Zahlen ist ohnehin weitsichtig: »Eine Zahl an sich kann es nicht geben, ... sondern indischen, arabischen, antiken, abendländischen Zahlenbegriff, jeder von Grund auf eigen und einzig.« (S. 79)“

Und der sonst so humorvolle Erich Kästner läßt doch allen Ernstes in der Vorrede zum »Kleinen Grenzverkehr« (1938/ 1973, S. 8f) seinen Freund aussprechen, was er und viele damals dachten: »Bei Antike und Christentum handelt es sich um zwei Krankheiten, die an einem Organismus namens Mitteleuropa zehren, sodaß ungefähr seit dem Jahr 1000 p.Chr.n. der genannte geographische Bezirk für den Kulturhistoriker ein pathologischer Fall ist.« (von mir zitiert in „Fälschungen der Geschichte“ 2001, S. 115).

Hier ist nicht nur die Datierung beachtenswert, nämlich AD 1000, also viele Jahrhunderte nach der offiziellen Christianisierung von Köln, Paris oder London, sondern auch der Hinweis auf den Kulturhistoriker (wie Spengler usw.), der das Krankheitsbild als erster erkennen muß.

Natürlich findet auch C. W. Ceram in dieser Reihe seinen Ehrenplatz, denn seine chronologiekritische Untersuchung in „Enge Schlucht und Schwarzer Berg“ (1955) liest sich spannend und hat wohl manchen Denker wachgerüttelt. Der populäre Autor Ceram, dessen Bücher in Hunderttausender-Auflagen erschienen und von ›aller Welt‹ gelesen wurden, schrieb in seiner anschaulichen Schilderung der Entdeckung der hethitischen Königreiche ausführlich über das Chronologie-Problem. Im 7. Kapitel, »Die Könige von Hattusas«, macht er sich Gedanken über den wissenschaftlichen Wert der Geschichtsschreibung. Er zitiert Leopold von Ranke, der bloß »zeigen will, wie es eigentlich gewesen« ist, und macht daran klar, daß dies eben nicht das Ziel der Geschichtsschreibung sein kann. Spenglers entgegengesetzter Standpunkt (1936/1951) wird als »Geschichtsschreibung ist Dichtung!« charakterisiert, der Historiker ist kein Wissenschaftler, sondern ein Deuter.

Ausführlich berichtet Ceram »von einem jener Mißverständnisse, wie es keiner wissenschaftlichen Disziplin in ihrer Geschichte erspart geblieben ist,« nämlich einer Lücke von 200 Jahren in der hethitischen Königsabfolge (zwischen 17. und 15. Jh. v.Chr.), für die jedes Dokument fehlte, und »die auch nicht durch Analogien mit der Geschichte anderer Völker ... zu füllen war.« Die Lösungsversuche »reizten zu den gewagtesten Hypothesen. Alle Hypothesen waren falsch.« Und doch kam niemand auf die einfachste Lösung, nämlich zu vermuten, »daß vielleicht lediglich alle bis dahin erarbeiteten Daten falsch waren.«

Passend hierzu zitiert er im 8. Kapitel Egon Friedell (1951), Illigs Leitstern: »Seine (des Menschen) stärkste Sehnsucht, sein ewiger Traum ist: Chronologie in die Welt zu bringen.« Ein schöner Traum, eher eine Seifenblase, eine »Illusion«, wie Friedell sagt. Dabei sind die Griechen ein typischer Fall, wenn auch ein Kuriosum, sagt Ceram: Hellas »kannte überhaupt kein historisches Gefühl, unterließ folgerichtig jede Datenorientierung und warf die Ereignisse und Gestalten der Geschichte so wahllos durcheinander, wie wir es bei Herodot sehen können ...«

So kommt auch Spengler bei ihm zu Wort: »Wir Menschen der westeuropäischen Kultur sind mit unserem historischen Sinn eine Ausnahme und nicht die Regel; Weltgeschichte ist unser Weltbild, nicht das der Menschheit.«

Mit genauer Kenntnis der modernen Entwicklung der hethitischen Chronologie zeigt er nun, wie da hin- und hergeschoben wurde, Könige erfunden und wieder fallengelassen wurden, Jahrhunderte vor- oder zurückrutschen ... und durchleuchtet diese Arbeitsmethode mit der erstaunten Feststellung: »Es ist recht kurios, daß ein heutiger Forscher auf Grund seines Einblicks in ein Material, das dem babylonischen Provinzchronisten gar nicht zur Verfügung stand, bereits in der Lage ist, an der Arbeit der vor mehr als drei Jahrtausenden verstorbenen Chronisten strenge Kritik zu üben – besser gesagt, kurios ist nicht die Möglichkeit der Kritik, sondern die Tatsache, daß er die Möglichkeit wahrgenommen hat.«

Trotz aller Manipulationen fehlten immer noch zwei Jahrhunderte. »In der alten ägyptischen und noch besser in der babylonisch-assyrischen Chronologie konnte man sich darüber hinwegmogeln; es gab genügend Dynastien und genügend Könige.« Nur bei den Hethitern fehlten diese zwei Jahrhunderte schmerzlich. Schrittweise ging man herunter mit der Datierung, aber es reichte nicht. Bis man schließlich doch in einer obskuren Königsliste einen „Synchronismus“ fand. »Mit einem Schlage war damit eines der wesentlichsten Chronologie-Probleme der Alten Geschichte gelöst.« Und damit waren auch »die zweihundert Jahre, die nur auf dem Papier existiert hatten, dahingeschmolzen.«

Wir wundern uns nun, warum jener Denker, Ceram, nachdem er den ganzen Vorgang der Chronologiebildung durchleuchtet und deren Schwächen erkannt hat, nicht lauthals lachte über die neugefundenen Daten, sondern seinen Lesern diese als der Weisheit letzten Schluß darbot. Es müßte ihm (wie auch vielen anderen Historikern) durch die lange Beschäftigung mit dem Thema klar geworden sein, daß die »Hethiter« ihre zeitliche Einordnung nur über den Namensgleichklang mit Sagengestalten in der Bibel und dadurch mit der biblischen Chronologie erhalten hatten. Wenn man ihnen einige Jahrtausende nimmt, rutschen sie ins »Mittelalter« und damit in einen Zeitraum, der ihnen religiös wie kunsthistorisch angemessen ist.

Im Sinne von Spenglers Definition von Geschichte zitierte ich (2001, S. 255 f) auch Friedrich Gundolf (eigentlich Gundelfinger, 1880-1931), der – ohne die Jahreszahlen selbst einer Prüfung zu unterziehen – den Arbeitsgang der Historiker durchleuchtet hat. Gundolf legt an die deutsche Geschichtsschreibung nicht den Maßstab der »Tatengeschichte« an (das wäre illusorisch), sondern die Kriterien der Literaturgeschichte. Damit dringt er in den Kern des Geschichtsbewußtseins vor. Historiographie, sagt er, ist der eigentliche Hersteller der Geschichte und damit in einem erkenntnistheoretischen Zusammenhang der Verursacher der Geschichte. Zusammengefaßt: Geschichte ist nicht Niederschrift geschehener Taten, sondern Widerhall des Eindrucks, den einige Taten hinterlassen haben. Die Helden sind geschichtlich wahr, sagt Gundolf, »weil sie nach tausend jahren sind, nicht weil sie vor tausend jahren waren.« (1912; zit. in Raulff 122).

Ruhmrede ist ein Schlüsselbegriff für Gundolf, er begreift sie als das Motiv aller Geschichtsschreibung. Das gemahnt mich an Ulrich von Hutten, der die Totenklage für den großen Cherusker als Aufruf zur Loslösung von Rom verfaßte. Im engeren Sinne ist es also ein religiöses Motiv, stellt Gundolf in seiner an der Edda geschulten Sichtweise fest, etwa wie die Romantiker glaubten: »Aber was bleibet, schaffen die Dichter.« Darum nennt Gundolf den wahren historischen Sinn »Divination« (1921, S. 49). Man könnte sagen: Vergöttlichung (was im Zusammenhang mit Cäsar einleuchtet).

Im Grunde ist dies ein Gegenschlag. Man hatte sehr wohl gemerkt, wie brüchig das Eis der Überlieferung ist. Durch immer schärfer angesetzte Kritik war man an einen Punkt gelangt, wo sich die Historie selbst in Nichts auflöste. So wie sich aus der theologischen Zerlegung der Schriften des Neuen Testaments ergeben hatte, daß dieser Jesus nicht gelebt haben konnte, so würden auch alle anderen Gestalten wie Nebel verwehen, Cäsar und Alexander so gut wie Sesostris und Darius.

Dagegen half nur der Sturm nach vorn: gläubige Bejahung der eigenen Geschichtsvorstellungen zum Zweck der Weitergabe einer Ordnung, die dem Gemeinschaftsgefüge den Halt gibt. Zwar wird die Vergangenheit damit zur Illusion, aber die Gegenwart der Geschichtsbilder wird zur unanfechtbaren Wirklichkeit. Dieses von Stefan Georges Weltschau inspirierte Ergebnis birgt schon eine der Grundforderungen der neueren Chronologiekritik.

In Sachen tibetischer Chronologie wurde ich erstmals 1987 aufmerksam, wie ich aus meiner Anstreichung in dem bekannten Buch des 14. Dalai Lama „Mein Leben und mein Volk“ (a.d.Engl., Knaur München, 1962) nachträglich ablese, wo im Geleitwort des bekannten Tibetologen Prof. Dr. Helmut Hoffmann (München) steht, daß die Chronologie der Tibeter, wie sie der Dalai Lama darstellt, für die Zeit des 7. bis 9. Jh.s nicht mit der von den Europäern erstellten übereinstimmt. Die tibetische Chronologie gründet sich auf die „Chronik des 5. Dalai Lama“, die europäische ist rückerschlossen aus den Annalen, die im Sande Turkestans gefunden wurden, sowie auf einzelne Angaben chinesischer Historiker.

Das ist zwar nur ein knapper Hinweis, aber er besagt zweierlei: Die Europäer haben die Chronologie Tibets nicht nach tibetischen Quellen erstellt, sondern von außerhalb (Turkestan, China); der Zeitraum der Diskrepanz zwischen einheimischer und europäischer Rückberechnung betrifft ausgerechnet die Illigschen 300 Jahre! Für Turkestan dürften Vergleiche mit fremden Chronologien den Ausschlag gegeben haben, denn eine eigene Jahreszählung jener Kultur, die noch dazu an eine heutige angebunden wäre, ist nicht bekannt; für China ist die Chronologie durch die Jesuiten geschaffen worden und daher um die 300 Jahre verlängert, wie ich ab 1995 in Illigs Kreis vorstellte (zusammengefaßt im Buch „Die Große Aktion“ 1998).

Übrigens gilt laut 14. Dalai Lama (S. 11) als erste in Tibet bekannte Inkarnation der Karma Rolpai Dordsche, der das Kloster Schar Tsong Ridro gründete, in dem der große Reformator Tsong Khapa im 14. Jh. geweiht wurde. Der erste Dalai Lama (S. 16) wurde 1391 geboren als Wiedergeburt von Tschenresi, dem Boddhisatva der Gnade. Das alles weist auf einen Neubeginn im späten 14. Jh. hin.

Witzig wie ein Comik-Streifen wird die Zeitverkürzung  (vorgeblich schon 1982 vorgetragen, postum veröffentlicht 1997) von einem angesehenen Historiker dargestellt: »Ich schlage vor, die 1200 Jahre zwischen 200 n.Chr. und 1400 n.Chr. herauszuschneiden, den herausgeschnittenen Streifen durch 200 neu zu komponierende Jahre zu ersetzen und den so korrigierten Film in Elitekinos laufenzulassen – in der Hoffnung, die Handlung des Films deutlicher und unterhaltsamer zu gestalten. Tatsächlich enthält der wegzuwerfende Streifen verworrene und vom Hauptthema unnötig ablenkende Szenen.« Das schreibt der Historiker Vilém Flusser (1997, S. 263) und malt das Szenario ergötzlich breit aus, wobei der dahinterliegende Ernst durchaus spürbar bleibt. Der Fund wird von Illig mit Verwunderung besprochen (in ZeitenSprünge 2/2000, S. 314f.)

Bei Flusser verschmilzt der heilige Augustinus mit dem heiligen Thomas zu einer Person, er wird ein »karthagischer Germane«, dessen Arbeit später von Luther und Calvin wieder aufgenommen wird. Duns Scotus vereinigt sich mit Maimonides. Also nicht nur das uns nun schon gewohnte Herausschneiden von glatt tausend Jahren, sondern auch die Zusammenführung der Romangestalten der Historie, bei uns etwa Mohammed mit Geiserich oder Karl d.Gr. mit Barbarossa, ist von Flusser also schon entworfen worden.

Durch die Ausführungen ist allerdings Flussers Methode näher erkennbar: Man schneide ein Stück aus der Geschichte, füge die Enden zusammen und glätte die Klebestelle; dann haben wir einen neuen Geschichtsroman, der unsere augenblicklichen Wünsche erfüllt. Das führt an unserer eigentlichen Arbeit vorbei, ja es macht sie unglaubwürdig.

Mit Flusser kommen wir dem Zeitgeist schon nahe, denn 1991, haben Niemitz und Illig erstmals ihre These vom erfundenen Mittelalter in Berlin und München bekanntgemacht. Im selben Jahr veröffentlichten unabhängig voneinander Rainer Daehnhardt (in Lissabon) über die Templer und Julio Caro Baroja (in Barcelona) über den Thubalismus (Anm. 3) ihre Kritiken an der Geschichtsschreibung. Daß zwischen Daehnhardt und Baroja gegenseitige Anregungen vorliegt, kann wohl ausgeschlossen werden; und Niemitz wie Illig kannten die beiden ebensowenig. Alle drei Veröffentlichungen geschahen 1991. Wie nun speziell die Mittelalterkürzung entstanden ist, müßte man den (inzwischen verstorbenen) Urwegtheoretiker Herbert Reichel sowie den noch lebenden Peter Mikolasch und den verschollenen Thomas Riemer fragen, die bei einem Treffen in Wien im trauten Gespräch mit Illig 1991 die ersten Anstöße gaben (siehe Geburtstagsgabe für Heribert Illig, Hrg. Otte 2007).

Den ersten Hinweis auf das überragende und seitdem unverzichtbare Werk von Wilhelm Kammeier hat im Illigschen Kreise (laut Z. A. Müller in Otte, Hrg., 2007, S. 90 f) Thomas Riemer 1991 gegeben.

Wenn sich auf diese Weise auch einige Wege zurückverfolgen lassen, so bleibt doch der plötzliche und heftige Ausbruch 1991 – in Spanien und Portugal zeitgleich mit München – rätselhaft.

Mit den oben erwähnten frühen Vordenkern, die manchmal nur hier und da im Nebensatz etwas von ihrem Wissen verrieten, steht es noch schwieriger. Waren sie angeschlossen an eine lange nie zerrissene Kette bewußter Weitergabe, die zuweilen unteridisch, seltener in offenen Vorstößen seit dem verheerenden Lyellschen Sieg weiterlief? Sind ihre Hinweise nur deswegen so sparsam und spärlich, weil sie sich nicht dem Spott der Kollegen oder gar der Ausweisung aus dem akademischen Tempel aussetzen wollten? Oder haben sie ganz einfach der Vernunft vertraut und darauf gebaut, daß der Schwindel eines Tages ohnehin ans Licht kommen würde?

Nachtrag:

Der etwas eigenartige Schriftsteller Ernst von Salomon, der für seinen „Fragebogen“ (Rowohlt 1951, in der Buchklub-Ausgabe 805 Seiten) ausführliche Nachforschungen bezüglich der Herkunft seiner Ahnen angestellt hat, schreibt, daß seine frühesten Vorfahren unter den venezianischen Kreuzfahrern nachzuweisen sind, aber dann erst im 16. Jh. wieder zwei Vertreter dieser Adelsfamilie verzeichnet sind. Eigenartigerweise liegen 300 Jahre zwischen dem letzten Kreuzzug und dem Beginn der durchlaufenden Ahnenkette der Salomonfamilie, wie in einem Dialog auf S. 69 des „Fragebogen“ dargestellt:
» „Wann waren die Kreuzzüge?“ fragte Ille.
„Der erste war um 1096 herum, der fünfte und letzte 1220“, sagte ich bescheiden.
„Und während der ganzen Zwischenzeit, dreihundert Jahre lang, soll man von so einer erlauchten, ritterlichen Kreuzfahrerfamilie nichts gehört haben? Kaum zu verstehen!“
„Vielleicht“, schlug mein Bruder vor, „ist in den dreihundert Jahren in Venedig nicht viel Gelegenheit zur Auszeichnung gewesen.“
„Oh“, sagte ich, „da irrst du sehr. Das sind eigentlich die drei Jahrhunderte, in der alle großen geschichtlichen Entscheidungen fielen. Ganz abgesehen davon, daß gerade dies die Glanzzeit Venedigs war ...“ «
Ernst von Salomon, der Ich-Erzähler, hat es also auch gemerkt, findet aber nicht die einfache Lösung: daß die beiden Ahnherren Felippo di Gasparo, geboren 1530  und gestorben 1578, und Simon di Giulio, geboren 1547 und gestorben 1606, die in Venedig urkundlich erfaßt sind, durch eine chronologische Verschiebung 300 Jahre (statt kurz) nach dem letzten Kreuzzug aufgeführt werden. Oder anders: daß die Kreuzzüge im 16. Jh. erst enden.
Was uns hier narrt ist die von mir häufig bemerkte aber immer noch nicht völlig erklärte Versetzung der italienischen gegenüber den mitteleuropäischen Jahreszahlen.

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