Die Kelten-Frage
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Berlin · 2018  Uwe Topper topper

Brunaux TitelBesprechung des Buches von

Brunaux, Jean-Louis (2014): Les Celtes. Histoire d'un mythe (TB Belin, Paris 2017)

Vorweg: dieses Buch war seit langem nötig. Nachdem ich die Germanen-Erfindung schon vor zwanzig Jahren aufgedeckt hatte (1996, siehe Notiz hier) und die trügerische Slawen-Legende von Kollegen bereinigt worden war, kam Schlomo Sand mit zwei Büchern zur Erfindung des jüdischen Volkes und Landes (go hier besprochen 2011 und 2013). Nun werden die Kelten unter die Lupe genommen. Dabei dreht es sich – noch einmal sei's gesagt – nicht um eine politische oder weltanschauliche Eingrenzung, sondern schlicht um die Untersuchung: Wie kamen diese Begriffe (Germanen, Slawen, Kelten usw.) zustande, wer hat sie aufgebracht, wann und wie wurden sie weiterentwickelt, schließlich: was bleibt übrig, wenn man auf die Grundformen zurückgreift?
Dieses Buch habe ich mit Faszination gelesen. Es ist in einer klaren Sprache geschrieben, geht die Probleme ohne Umwege an. Aus den nicht seltenen Wiederholungen, besonders bei Kapitelanfängen, aber auch aus der lebendigen Wortwahl, ersieht man, daß es sich um Vorlesungen handelt, nämlich aus den Notizen zu Seminaren, die Brunaux an der ENS (École Normale Supérieure) von 2008 bis 2011 gehalten hat. (Anm. 1 zur Einführung im Buch).

Der umfassende Begriff Kelten, sagt der angesehene Autor Brunaux (directeur du CNRS, Historiker und Archäologe) in der Einführung (S. 10), kam erst in der Renaissance auf, als die Deutschen begannen, ihre Abstammung auf die Kelten zurückzuführen, während man in Frankreich nur Gallier als Vorfahren kannte, ganz wie die Lateiner tausend Jahre vorher, wogegen die Griechen weitere vier Jahrhunderte vorher schon Kelten nannten.
Brunaux zitiert mehrfach (so schon S. 10) den fantastischen Schriftsteller Tolkien, der reichlich aus dem keltischen Reservoir geschöpft hat und bei seiner Antrittsrede an der Universität Oxford sagte: "Keltisch ist in jeder Hinsicht ein magischer Sack, in den man alles stecken und aus dem fast alles kommen kann." Um einen Katalog der Kelten anzulegen, müßte man zuvor wissen, was damit gemeint ist, aber gerade das können wir nicht (S. 12, mit Seitenhieb auf das Standardwerk von Wenceslas Kruta von 1988, Paris 2000).
Wir sehen allerdings gleich, daß Brunaux mit seiner genauen Kenntnis der Literatur die Zeitangaben großzügig erweitert. Der Keltenbegriff werde schon 30 Jahrhunderte gebraucht (S. 12); das ist etwas hoch gegriffen, wenn er die Griechen als erste Namensgeber vorfand (doch am Schluß, S. 345, auf 26 Jahrhunderte berichtigt). Wogegen die Beschäftigung mit diesem Begriff, nämlich als Suche nach ihren Ahnen, sechs Jahrhunderte zurückläge (S. 13), was für die Renaissance der Deutschen um ein Jahrhundert zu hoch gegriffen ist.
Das schwarze Loch der Abstammung sei endlich geschlossen worden, als man die Indoeuropäer vor fast drei Jahrhunderten erfand (S. 13) – nun: zwei Jahrhunderte wäre schon viel, denn die Erfindung der Indogermanen oder Indoeuropäer begann 1810 und 1813, verfestigt durch Klaproth (1823) und Bopp (1833). Allerdings meint Brunaux die Erfindung des Begriffs im erweiterten Sinn, nicht wörtlich den Begriff selbst, wie er in späteren Kapiteln ausführt.
Die Einführung endet mit dem klaren Satz (S. 16): "Es ist die Geschichte dieser Erfindung, immer wieder erneuert, die wir hier unternehmen."

Entwicklung

Im Kapitel II "Die Eingeborenen (aborigènes) des Westens" wird (im Abschnitt "Die älteste schriftliche Nennung") das grundlegende Beweisstück, die Nennung der Kelten in griechischen Texten, vorgelegt. Der Autor ist sich zwar der Problematik bewußt, daß auch hier Zweifel bestehen können (und unter Fachleuten vorgebracht werden), aber er baut auf diese Erwähnung des Wortes "Keltike" seine ganze Beweisführung. Es geht auf ein Bruchstück von etwa sieben Wörtern zurück, das aus Hekataios von Milet stammen muß: "Massalia, Stadt Ligustiens, Kolonie der Phokäer, nahe der Keltike." (S. 59)
Es gibt auch einen Hekataios von Abdera, der zweihundert Jahre später als der Kollege aus Milet schrieb, aber schon in der Antike verwechselte man die beiden; vermutlich scheidet der aus Abdera hier aus. Das Hekataios-Fragment ist erhalten in einem rund tausend Jahre jüngeren Text von Stephan von Byzanz. Warum Stephan die paar antiquierten Wörter mit völlig unklarer Geographie überliefert hat, obgleich er als Zeitgenosse von Belisar, der fast das ganze Mittelmeer mit seiner Flotte beherrschte, ganz sicher Marseille kannte oder wußte, wie man die Ligurer korrekt bezeichnet, besonders aber, wo die "Keltike" liegt, bleibt ein Rätsel.
Aber auch der Stephan-Text liegt nur in einem Auszug von Hermolaos vor, der in der Suda-Schriftsammlung etwa ein halbes Jahrtausend später erhalten ist. Die Überlieferung weist eben auch hier die gewohnten Lücken und großen Sprünge auf. Wenn hier ein Grieche vom anderen abschrieb, dann bestätigen sie sich gegenseitig. Eigentlich kennen wir diese griechische Literatur erst durch unsere fleißigen Philologen des 19. Jahrhunderts (siehe als Beispiel Groskurd, Christoph Gottlieb (1831): Erdbeschreibung des Strabo in 17 Büchern (Nachdruck Georg Olms Verlag, 590 Seiten) Stichwort Keltike.

Nachdem einige griechische Schriftsteller den Namen der Kelten für eine meist nicht näher bestimmbare nördliche Bevölkerung mitgeteilt hatten, zunächst den Hyperboräern gleichgestellt, taucht der Begriff Celten im lateinischen Sinne nur bei Cäsar im "Gallischen Krieg" auf, und zwar ein einziges Mal, gleich zu Anfang, während Cäsar sonst – wie die anderen Lateiner – nur von Galliern spricht. Ich denke dabei auch an Conrad Celtes, der eigentlich Pickel hieß, ein Werkzeug zum Traubenernten, aber auch eine axtähnliche Waffe, was einer ursprünglichen Bedeutung des Volksnamens vielleicht nahekommt.
Damit ist das Urteil bereits gefällt: So, wie der Keltenbegriff heute verwendet wird, ist er eine Erfindung seit der Renaissance. Diesen Vorgang vom 16. bis 20. Jh. aufgedeckt zu haben, ist das große Verdienst von Brunaux, es macht den Hauptteil des Buches aus. Dabei ist erstaunlich, wieviele Historiker – und mit welcher Motivation – sich mit den Kelten beschäftigt haben. Seit dem 17. Jh. schon wurde eine keltische Sprache entworfen, die ähnlich wie später das Indoeuropäische als Matrix diente für eine Ursprache, ein Urvolk, eine Urheimat sogar (S. 223, alle drei Begriffe in deutsch). Hierin liegt schon der große Trugschluß, der bis heute nicht überwunden wurde: Aus Ortsnamen und gelegentlichen Zitaten wird eine Sprache rekonstruiert, die dann mit ebensolchen Sprechern belegt und schließlich einer materiellen Kultur zugeordnet wird, die in keiner Weise damit zusammenhängen muß. "Das Keltische ist, wie das Indoeuropäische, kein objektiv anerkannter Fakt. Es ist ein Postulat... ein geistiges Konstrukt" (S. 222)
Brunaux widerspricht der immer noch gängigen Auffassung, daß Sprachen wie auf einem Baum wachsen und sich immer stärker herausdifferenzieren, so daß eine Abstammung zurückverfolgt werden könnte. Dieser teils bibelfundierten, teils darwinistischen Anschauung stellt der Autor die vernünftigere Erklärung gegenüber (wobei er Trubetzkoy anführt): Sprachen sind Kommunikationsmittel und darum darauf angelegt, einen großen Kreis von Menschen zu erreichen, also gerade über Abstammungsgrenzen hinweg Völker zu verbinden und Handel zu ermöglichen, weshalb ein immer wachsender und verschiedenartiger Wortschatz aufgenommen werden muß. Nicht Genealogie sondern Konvergenz ist der Motor der Sprachentwicklung. Er zitiert noch einmal Trubetzkoy (S. 287): "Es sei die Nachbarschaft der Sprachen über längere Zeit hinweg, die die Ähnlichkeiten zwischen ihnen erkläre."

Renaissance

Die Abwesenheit von direkten Zeugnissen der keltischen Kultur, die selbstauferlegte Schriftlosigkeit der Elite der Kelten (Druiden), wirkt wie eine prächtige Gelegenheit, Geschichte frei zu fabulieren (S. 181). "Die Schriften von Annius von Viterbo erfüllten das dringende Verlangen seitens der zahlreichen europäischen Gebildeten." (S. 192) Es geht um die Abstammung, die nun bibelkonform gestaltet wird: Kelten bilden die neunte Generation nach Japhet.
Im 16. /17. Jahrhundert wird der Gallierbegriff neu definiert. Beigetragen hatten die Übersetzung von Augustins "Gottesstaat" ins Französische, und natürlich die Übersetzung (1473) von Cäsars Rechtfertigungsschrift "Gallischer Krieg" (S. 195).
Zum Problem der Franken – sind sie Germanen oder Gallier? – hatte sich Beatus Rhenanus schon 1551 geäußert, dennoch hat dieses Problem von den Hugenotten bis zur französischen Revolution 1789 für Streit gesorgt.
Die Keltomanie führte zur Erfindung einer dazugehörigen Literatur, wenn auch dieses Unternehmen weniger erfolgreich war als in anderen Volksgruppen – etwa bei den Tschechen, wo ein erfundenes mittelalterliches Schriftgut teilweise bis heute anerkannt wird. Oder der Heliand bei uns...
Hier betrifft es den Ossian, den "unerhofften Held" (S. 231), der die Gebildeten Europas faszinierte, obgleich man bald erkannte, daß es sich um eine Fälschung handelte. Geteilt bleibt die Meinung zu den Bardengesängen der Bretagne von Hersat de la Villemarqué 1839. Man nimmt einen echten Kern an, der nur re-arrangiert wurde. Hauptsache ist das Ergebnis: Es gibt nun eine große keltische Kultur und Rasse, die vor allem der überragende Ernest Renan geprägt hat. Als Ersatz für die jüdisch-christliche Weltanschauung erfüllt sie ein wichtiges Bedürfnis der einfachen Leute wie auch der Elite Frankreichs (S. 245).

Nicht zu übersehen ist die moderne Entwicklung, die in den Medien immer stärker hervortritt: "Es gäbe eine Zugehörigkeit zu einem keltischen Universum, eine Keltenheit, wenn der Neologismus erlaubt sei. Man glaubt sich direkter oder ferner Abkömmling der Kelten und eine gewisse Erbschaft zu hüten: eine Sprache, die mehrheitlich nicht mehr gesprochen wird, Musik, Tänze, Überlieferung von Kleidung, deren Alter keine drei Jahrhunderte zurückreicht. .. ein Phänomen von Autosuggestion." (S. 227 f). Er betont dabei, daß dieses Gefühl neu ist und schrittweise erst seit der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts auftritt.
Gewiß darf man nicht ein populäres Werk wie das von Dr. phil. Juliette Wood (1998): Die Lebenswelt der Kelten (a. d. Engl.) aufschlagen, auch wenn es mit noch so schönen Fotos garniert ist, um gleich beim ersten Satz zu stutzen: "Vor einigen tausend Jahren waren die Kelten in Mitteleuropa eine dominierende Gruppe, die eine eigene Sprache, Mythologie und Kunst besaß." "... von Irland bis in die Türkei." Derartiges ist reine Spekulation, sagt Brunaux.
Jedoch, die Grenzen zwischen Fachliteratur und volkstümlicher Geschichtsschreibung verschwimmen, wenn man bei Brunaux liest, wie ein Spezialist der Keltenforschung, Henri Hubert, bald nach dem 1. Weltkrieg die Richtung festlegt, indem er, "begabt mit vielen Fähigkeiten, ... vor seinen Lesern seinen Charme spielen läßt und ihnen eine Vision des Keltentums bietet, die unendlich viel menschlicher ist als die seiner Vorgänger." (S. 312) Ob eine Theorie angenommen oder abgelehnt wird, hängt gewiß von der großen interessierten Leserschaft ab (weshalb die Chronologiekritik wohl kaum Chancen haben dürfte).
Brunaux bringt das alles schonungslos zur Sprache und legt auch den Fehler bloß, der fast allen bisherigen "Visionen" vom Keltentum anhaftet: die unvereinbare Chronologie (häufig erwähnt, besonders S. 293, 296, 309 etc.). Das betrifft allgemein den Gegensatz zwischen Archäologen mit ihren neuesten Erkenntnissen und Daten im Gegensatz zu den Historikern, die ohne echte Quellenforschung (im Original in deutsch) gearbeitet haben.
Brunaux steht als Archäologe den Historikern skeptisch gegenüber, völlig zu recht, (S. 313 indem er Hubert zitiert: "Das hieße, den antiken Autoren eine Autorität zuzusprechen, die sie nicht verdient haben"), sieht aber nicht, daß die archäologische Chronologie ebenfalls auf tönernen Füßen steht. Zumindest sind die beiden Disziplinen in diesem Punkt nicht vereinbar, was ja der Stein des Anstoßes für die Chronologiekritiker seit Heinsohn und Illig war.

Das Buch bringt eine große Zahl von Überraschungen. Da wird zweimal (bes. S. 262) auf Eric Hobsbawm und sein Konzept der "erfundenen Überlieferungen" (1983) zurückgegriffen; er war den Chronologiekritikern schon am Rande aufgefallen, seine skeptischen Untersuchungen sind teils vergessen, teils abgelehnt worden. Man sollte ihn wieder lesen!
Im Text von Brunaux taucht auch der griechische Astronom Anaximander auf: "Er war der erste, der den Zodiak entdeckte und eine Sonnenuhr baute." (S. 58) Das ist unglücklich formuliert, denn der Zodiak wurde nicht entdeckt sondern als Merkbild geschaffen, und zwar schrittweise (Topper, go Das Jahrkreuz, 2016), und Sonnenuhren gab es sicher schon seit der Steinzeit.
Oder, interessant: Herakleides von Pontos, ein Schüler Platons, war einer der ersten, der den Griechen eine Stadt namens Rom bekannt machte, und zwar als hellenische Stadt, sowie daß sie von den Hyperboräern belagert worden war, was Brunaux gegen 390 v.Ztr. einordnet (S. 51).
Oder daß die phönizischen Seeleute den Atlantik bis hin zu den nördlichen Gefilden der Skythen kannten (S. 44). Na endlich geschieht ihnen Anerkennung.
Das soll reichen als Anreiz, das Buch auch aus reiner Neugier zu lesen.

Zurück zum Thema:
In der Schlußbetrachtung sagt Brunaux hinsichtlich der unwissenschaftlichen Begriffsbildung "Kelten": Diese Kritik abzulehnen "hieße zuzugeben, daß die Geschichtsschreibung sich nicht von der Poesie unterscheidet."
Soweit so gut! Aber dann lehnt er die rein archäologische Vorgehensweise ebenfalls ab. Sie kann für ihn nur eine Hilfswissenschaft sein, die durch historische Zeugnisse geordnet werden muß, denn – das ist selbstverständlich – ohne Rahmen, in die die Grabungsergebnisse einzufügen wären, ist die Wissenschaft des Spatens hilflos. Ein Dilemma ohnegleichen.
Noch einmal stellt er fest: "Die gegenwärtige Arbeit nahm sich vor, die Mechanismen des Mythos ... abzubauen ... nämlich einer Maschine, die sich selbst ernährt und deren Macht sich im Laufe der Zeit vergrößert." (S. 345 f)
"Aber es ist vermutlich unmöglich, sich von einer Idee zu trennen, die ein so langes Leben hatte. Die Kelten sind ins Unterbewußtsein der Europäer vielleicht für immer eingeschrieben. Sie widerstehen jeder Art von Vernunft und werden noch lange widerstehen." (S. 355) Daß es sich beim Keltenbegriff um die Herstellung einer besonderen und von der römischen Herrschaft befreiten Herkunft geht, hat Brunaux hinreichend gezeigt. Mithin um Ideologie statt Wahrheitssuche. Das letztere können wir ihm bescheinigen, auch wenn er nicht alles richtig gesehen hat: Er ist ein unverkennbarer Sucher der wahren Geschichte, und damit ein hervorragender Wissenschaftler.
So sind auch seine schweren Seitenhiebe auf jüngste Geschichte (besonders die Geschichtsmanipultaionen der Deutschen im 3. Reich, im Kap. XII ab S. 315) und Gegenwartspolitik zu verstehen: Die Berufung der Liga Nord (Padaner Norditaliens) auf eine keltische Präsenz seit undenklichen Zeiten (in der Schlußbetrachtung ab S. 352). Hier liegt tatsächlich eine wichtige Aufgabe der heutigen Historiker, nämlich die Aufklärung, wie dergleichen Volksgruppen wie Kelten oder Germanen ohne wissenschaftlichen Hintergrund geschaffen wurden.

Keltenschüssel
"Keltenschüssel", Münze aus Gallien, "Stater der Parisii"

aus: Marie König: L'Enigme des Monnaies Celtiques (Privatdruck 1975)

Nachtrag:
Mindestens eins der zahlreichen Bücher von Brunaux zum Keltenproblem gibt es auch auf deutsch: Die Welt der Druiden – Mythos und Wirklichkeit (Klett-Cotta), das ebenfalls schon als entromantisierend beschrieben wird, aber wohl noch nicht die Radikalität des hier besprochenen Buches an den Tag legt.

Uwe Topper, Berlin 2.9.2018

Kommentar von Ilya Topper:

Dazu fällt mir gerade ein, daß auch Galicien zeitweise der Keltenfaszination verfallen war. Nicht wirklich, eigentlich mehr als intellektuelle Spielerei, gerade gut genug dafür, um in der Landeshymne (offiziell seit 1977), geschrieben 1886, urgesungen 1907 in Havanna (Kuba!) Galicien als "Nation des Breogan" zu bezeichnen. Dieser Breogan soll, nach irischen Legenden, die 1630 als Buch (Leabhar Gabhala) verfaßt wurden, ein Keltenführer gewesen sein, der Hispanien erobert und in La Coruña einen Turm gebaut habe (wo heute ein Denkmal für ihn steht). Im 19. Jh gehörte es zum guten Ton, eine Nation zu sein; wenn man nichts eigenes hatte, das einen von den Nachbarn unterschied, nahm man eben, was man im Ausland kriegen konnte. Natürlich haben die Galicier das nie ernst genommen; ich meine: wozu braucht man eine Nation, wenn man gekochten Kraken auf dem Tisch hat, aber es ist bezeichnend für den Prozess, der im 19. Jh das Geschichtsbild Europas prägte (in Galicien passiert natürlich alles hundert Jahre später). Ilya Topper

Zu Brunaus Buch paßt auch die Antrittsvorlesung von Nicholas Brooks vor 31 Jahren (siehe Birgit Lieschings Übersetzung im Heft 2/2017 der Zeitensprünge, dazu meine Besprechung hier), die dem Geschichtsmythos eine eigene Dimension verleiht.

Ähnliche Ansichten mit sehr genauen Angaben bezüglich der Schöpfung des Germanen-Mythos publizierte
Peter Hutter, „Germanische Stammväter und römisch-deutsches Kaisertum“ (OLMS 2000) (go meine Besprechung hier)

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