Johnson, ein radikaler Chronologiekritiker des 19. Jahrhunderts
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Berlin · 2013  Uwe Topper topper

Johnson, ein radikaler Verfechter der Chronologiekritik

Ende des 19. Jahrhunderts gab es in Mitteleuropa mehrere Gelehrte, die sehr genau erkannten, wie verzerrt das Gespinst christlicher Geschichtsschreibung ist. Sie kämpften heftig und mit außergewöhnlicher Schärfe dagegen an, weshalb ihre Arbeiten heute noch großen Wert haben. Mit dieser Radikalität wurde Geschichtskritik in deutscher Sprache erst wieder von Kammeier im 20. Jahrhundert durchgeführt, und dann in der Nachfolge von Velikovsky durch Christoph Marx und die neuen Chronologiekritiker.
Dabei bilden die Kritiker des ausgehenden 19. Jahrhunderts ein Bindeglied zwischen dem Vater des ganzen „Systems“, Jean Hardouin, und uns, das nur selten voll gewürdigt wird. Es sind vornehmlich Polydore Hochart, Edwin Johnson und die Theologen in der Linie von Strauß, Bruno Bauer und Arthur Drews.
Zu manchen ihrer Erkenntnisse bin ich in meinem Buch „Die Große Aktion“ (Tübingen 1998) gelangt, ohne damals schon Johnsons oder Hocharts Werke gelesen zu haben. Ein Theologe, der in Berlin die Radikalkritik nach holländischer Schule vertritt, Dr. Hermann Detering, wies mich erst auf Johnson hin, von dem er auf seiner Webseite (www.radikalkritik.de) sagt, er vertrete eine ähnlich radikale Kritik wie die von Illig und Topper.
Allerdings ist Illig mit dieser wohlgemeinten Beurteilung überfordert, denn seine 296 (oder 297) Jahre, die er im Mittelalter ausschneidet, können sich mit Johnsons Gewißheit, daß 1300 Jahre Kirchengeschichte zuviel sind, nicht messen. Radikal ist die Geschichtskritik von Heinsohn und Illig hauptsächlich für die Steinzeit und die Anfänge der Geschichte („Sumerer“, alte Ägypter, frühe Perser etc.), nicht für die Neuzeit. Angriffe auf die Chronologie der Antike und der Vorgeschichte waren im 19. Jahrhundert noch nebensächlich (etwa von Pallmann vorgebracht), eine Neuordnung wäre allzu spekulativ gewesen. Zuerst mußte die Entstehung der aufgebauschten Kirchengeschichte geklärt werden, die Weltalterrechnung der Kirche würde dann von selbst zerfallen.
Eine der Grundlagen für Johnsons Erkenntnisse waren die radikalen Aussagen von Jean Hardouin, dessen „Prolegomena“ er ins Englische übersetzt hat. Johnson geht allerdings noch schärfer vor.
Es ist erstaunlich, wie viele Theologen und Gelehrte den Durchblick hatten in diesem aufgeklärten Zeitalter, der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Ihre Forschungen wurden veröffentlicht, gelesen und bekämpft, keineswegs totgeschwiegen.
Johnson begann nicht als Chronologiekritiker, sondern indem er realistisch die „Heilige Schrift“ in der Nachfolge von F. C. Baur und Harnack zerlegte. Sein erstes großes Buch ist ANTIQUA MATER, A Study of Christian Origins (Trübner and Co., London 1887). Darin untersucht er die kirchlichen Texte des angeblichen 2. Jahrhunderts und erkennt, daß sie nicht jünger sondern älter als die Abfassung des Neuen Testamentes sein müssen.
In diesem früheren Werk vertritt Edwin Johnson noch den kritischen Standpunkt von bekannten Theologen wie David Friedrich Strauß, Ferdinand Christian Baur und Adolf Harnack, die die Geschichtlichkeit der biblischen Berichte ablehnten oder zumindest sehr kritisch in Frage stellten. Echte chronologische Zweifel sind noch nicht aufgetaucht. Dennoch können wir einige Passagen der Antiqua mater für unsere Arbeit verwenden, weil sie auch ohne chronologische Korrekturen wertvoll sind, da sie das relative Vor- und Nachher der Ebioniten, Gnostiker usw. deutlich machen.
In seinem sieben Jahre später erschienenen Buch, The Pauline Epistles, wird die Chronologiekritik voll ausgebreitet, und zwar in einer Schärfe, wie sie seinen Zeitgenossen unerträglich sein mußte. Zu diesem Zeitpunkt, 1894, ist der Professor schon emeritiert. Nachdem er vorher zahlreiche Schriften mit diesem neuen Tenor veröffentlichte und harsche Kritik erntete, faßt er nun seine Gedanken in einer Besprechung der Paulusbriefe zusammen, die das Ergebnis seiner historisch-kritischen Lebensarbeit ist, und das sieht revolutionär aus:
Zum Beispiel erkennt er, daß auch das 16. Jahrhundert noch keine festen Daten besitzt; das früheste brauchbare Datum in England sei 1533 (S. 9, letzter Abs., ich zitiere nach der Internet-Version, die andere Seitenzahlen als das Original verwendet, wobei diese dort stets angegeben werden). Erst in den darauffolgenden Jahrzehnten beginnt in England ein verläßliches Datierungssystem.
Latein ist die erste Sprache der entstehenden Kirche gewesen, nicht Griechisch (S. 12, Mitte und öfters), und die Kirche entstand nicht im Orient, sondern in Mitteleuropa gegen 1500 (S. S. 18 und S. 26). So etwa schrieb ich vorsichtig in Die Große Aktion, ohne die guten Beweise nennen zu können, die Johnson als Philologe vorgelegt hat. Man müßte noch genauer definieren, was mit „Anfang der Kirche“ gemeint ist. Soweit ich Johnson verstehe, kann er sich eine katholische Kirche ohne den Besitz eines festen Bibeltextes nicht vorstellen, und das ist wohl eine akzeptable Grenzziehung. Religiöse Organisationen mögen vorher bestanden haben – es waren vor allem die Mönchsorden – aber was dort gelehrt und geglaubt wurde, entzieht sich unserer Kenntnis.
Die literarischen Zweitquellen, die Johnson verwendet, sind leider nur knapp erwähnt, da er hauptsächlich auf Originalschriften des 16. Jahrhunderts zurückgreift. Er kannte die entlarvenden Schriften von Jean Hardouin (S. 20 Mitte) und spricht von einer Tafelrunde (S. 19 Mitte) mit Direktor und ausführenden Mönchen, wie sie später Kammeier mit dem Begriff „Große Aktion“ entworfen hatte, ohne daß letzterer die ausführenden Personen in solcher Schärfe gesehen hätte.
Auch die Hast bei der Herstellung der Bibel – zumindest des Neuen Testamentes – hat Johnson zwingend dargestellt und dies als Argument für ihr junges Alter verwendet (S. 33 Mitte), etwa wie ich 1998 schrieb und in Fälschungen der Geschichte (2001, S. 240) zitiere, wo ich den Wettlauf zwischen den Spaniern und Erasmus von Rotterdam skizziere: „Dann ist die Fassung des Erasmus beinahe der so heiß gesuchte Urtext der Bibel.“
Die christliche Kirche entstand Johnson zufolge in den benediktinischen Klöstern Frankreichs (Paris und Lyon) um 1500, die katholischen Kirchenväter wurden von imkompetenten Mönchen geschrieben, das Neue Testament ist als Folge davon entstanden. Es gibt keine älteren Texte, und der Inhalt verrät die Zeit: Beginn des Buchdrucks.
Der wird bekanntlich mit 1460 angegeben, und schon in den nächsten 20 Jahren sollen erste Bibeln gedruckt worden sein. Wenn nicht alle diese Bibeln später rückdatiert wurden, was Johnson zumindest andeutet, müßte ich die chronologische Annahme von Johnson um etwa 50 Jahre korrigieren.
Jedenfalls wurde ich an dieser Stelle hellhörig und versuchte, Hardouins Version, daß es im 12./13. Jahrhundert schon einen ersten Ansatz christlicher Religion gegeben haben könnte, zu retten. Aber das ist nicht leicht gegenüber dem Wissen von Johnson, der mit Humor und im Bewußtsein seiner Schwächen die Einsicht darstellt, und die lautet: Die Reformation Martin Luthers war der erste Versuch, die aufstrebende Katholische Kirche Frankreichs niederzuringen. Vorher gab es keine Kirche im eigentlichen Sinne, das heißt: als Vertreter der biblischen Lehren. Die Schöpfung der Bibeltexte, die von den Reformatoren wie den Katholiken mit großem Eifer in wenigen Jahren – teils gemeinsam, teils gegeneinander – durchgeführt wurde, legte erst den Grundstein für christliche Kirchen, gleich welcher Art.
Mein früherer Entwurf, das Papsttum sei in Avignon zweihundert Jahre eher entstanden, leidet laut Johnson an zwei Fehlern: Die zweihundert Jahre sind ausgedacht, und daß die Mönche von Avignon schon als erste Päpste der Katholischen Kirche gelten könnten, ist eine Fiktion wie alle früheren.
Auf welche Chronologiekritiker Johnson aufbaute, ob er z. B. Newtons Spätwerk in Betracht zog, wissen wir nur andeutungsweise. Wie auch Johnson selber schreibt: „Vielleicht hat noch niemand diesen Gedanken gehabt, den ich hier mitteile, jedenfalls habe ich ihn nirgendwo gelesen.“ Aber Hardouin hat er gelesen (S. 20 Mitte) und zitiert ihn (S. 81, ebenso S. 98). Von diesem Jesuiten hatte ich 1998 (S. 14) berichtet, daß er 28 Jahre lang (1687 bis 1715) im Auftrag des französischen Königs und der Kirchenversammlung die Akten sämtlicher Konzilien vom 1. Jahrhundert bis zu seiner eigenen Lebenszeit neu ordnete und herausgab. Zehn Jahre später – nach weiteren Korrekturen – wurde das Werk freigegeben und gilt seitdem als verbindlich. Hardouin war es hauptsächlich, der diesen Zeitroman erfunden hat und am besten kannte. Und er war auch der einzige, der das damals mit dieser Klarheit gesagt hat.
Die wichtigsten Gedanken Johnsons scheinen mir folgende zu sein:
Vor dem Tridentinischen Konzil (angeblich ab 1545 in Tirol und Norditalien) gab es noch keine Vulgata, zumindest keine vollständige oder anerkannte lateinische Bibel. In den folgenden zwanzig Jahren entsteht sie erst. Luthers Anteil an der Bibelschöpfung ist unübersehbar, besonders in den Briefen des Paulus, die den Streit zwischen rivalisierenden Benediktinern und Augustinern u.w. widerspiegeln und daher so komplex, widersprüchlich und unverständlich sind. Auch einige Augustinus-Texte dürften von Luther oder seiner Umgebung stammen.
Da aber der Text des Tridentinums von Hardouin geschrieben wurde, wissen wir wiederum nicht, was damals wirklich beschlossen wurde. Dennoch – so Johnson – verrät er uns den ganzen Vorgang der „Tafelrunde“. Das muß wohl daran liegen, daß die Wahrheit ohnehin nicht verschleiert werden konnte, zumindest nicht für Theologen. Und das Volk las die Dekrete des Tridentinums nicht.
Aus Johnson folgt, daß die „Reformierten“ eine mönchische Bewegung waren, die man als späte Form des Urchristentums bezeichnen kann, vielleicht zwei Generationen nach Entstehung des Christentums, was für Johnson nicht vor Mitte des „15. Jahrhunderts“ gewesen sein kann. Die Katholische Kirche entstand erst als Gegenbewegung dazu, eben auf dem Tridentinum. Hier stand der „Runde Tisch“, den Johnson als Begriff für die Herstellung der (Kirchen-)Geschichte benützt (was Kammeiers „Großer Aktion“ entspricht).
Als frühestes Datum für vertrauenswürdige Nachrichten aus der Zeit des Wiedererwachens der Wissenschaften, der Zeit des Buchdrucks, gibt Johnson mehrmals 1533 an, obgleich er sich vorsichtig ausdrückt, weil er nicht genau weiß, wann dieses Jahr liegt. Er verwendet lieber Begriffe wie „Tudor-Zeit“, König Heinrich VIII von England usw. Etwa damals müßten Beda und Chaucer, die Kirchenväter und das Neue Testament geschrieben worden sein. Er kennt auch die Klöster, wo dergleichen Arbeiten vorgenommen wurden: Monte Cassino und Bobbio, Fulda, St. Irenäus von Lyon und vor allem St. Dénis und St. Germains von Paris, kennt sogar einige der Akteure (der berüchtigte Abt Tritheim gehörte natürlich dazu), und spart nicht mit Bewunderung für diese Leistung, wobei er allerdings nicht verhehlt, daß er Lügen von dieser Größenordnung unwürdig für unsere Kultur empfindet, genauso wie er die Fortsetzung dieser Lügen durch heutige Gelehrte scharf verurteilt (S. 91-92).
Wenn Johnsons Schlußfolgerungen stimmen – und ich sehe keine Möglichkeit, sie zu widerlegen – dann beginnt unsere gesamte Literatur und Schriftkultur nicht vor 1460 (wenn das rückberechnete Datum stimmt, sagt er) mit dem Buchdruck. Aber unsere kostbaren Erstdrucke tragen häufig keine Daten oder sind willkürlich datiert, meist deutlich vordatiert. Wir wissen nicht, wie alt sie sind.
Viele Handschriften – besonders die Bibeltexte – sind nachträglich angefertigt, nach Druckvorlagen. Die Arbeit war um 1570 keineswegs abgeschlossen, sondern lief die ganze Zeit weiter, im 17., 18. und 19. Jahrhundert mit unverminderter Kraft. In diesem Zusammenhang fällt auch Tischendorfs Name, den ich als Hersteller des Codex Sinaiticus beschrieben habe (2001, Kap. VIII).
Gegen Schluß des Buches bespricht Johnson das Problem des Judentums, das ja bereits bestanden haben müßte. Einer der Autoren, die die Briefe des Paulus verfaßten, dürfte selbst Jude gewesen sein, wie auch ein jüdisches Altes Testament bereits vorgelegen haben müßte, wenn auch nicht unbedingt in der Gestalt, die es heute hat. Aber viel eher als 1500 kann das ebensowenig gewesen sein. Die Masoreten lebten in der Renaissance, ihre Heilige Schrift und der Talmud sind genauso eilig und monströs hergestellt und wohl zum gleichen Zeitpunkt wie die ersten christlichen Bücher. Die Parallelen im Herstellungsprozeß, die Johnson anführt, sind überzeugend auch für den, der keinen Einblick in diese Literaturgattung hat.
Noch unter dem Eindruck des genialen und aufregenden Buches von Johnson möchte ich meine ersten weiterführenden Gedanken hier skizzieren:
Die Naherwartung der Evangelienschreiber war doch echt, aber schon leicht abgeflaut, als sie ihre Texte verfaßten; die Vorstellung von der „Verzögerung“ war jedenfalls echt (2. Petrus 3, 15 ; 2. Kor. 7, 15 etc.). Da eine jahrelange Naherwartung des Weltendes nicht vorkatastrophisch sein kann (das gibt es nicht einmal bei Ratten), ist sie das typische Trauma der Überlebenden einer Katastrophe. Sie hatten Angst vor einer Wiederholung des Vorgangs. Aus der Kenntnis früherer Katastrophen, die stärker waren und tatsächlich einen „neuen Himmel und eine neue Erde“ schufen, entstand die Angst, daß das nun bald wieder bevorstünde. Die „echte“ Katastrophe müßte also bald folgen, glaubte man. Und das nennt man „Naherwartung“.
Solange wir – wie Christoph Marx, der Egon Friedell folgt – 1350 als letzten großen „Ruck“ des Planeten ansehen, muß die Naherwartung gegen 1380 (eine Generation später) begonnen haben und gegen 1410 abgeflaut sein. Ab diesem Zeitpunkt beginnt die Entstehung des Christentums, wobei die dazu genannten Jahreszahlen unsicher sind, vor allem nicht in Relation zueinander stehen, sondern willkürlich festgelegt.
Da die monotheistische Epidemie weltweit stattfand, sind auch Thora und Koran nicht älter. Ich weiß noch, wie schockiert ich war, als ich vor wenigen Jahren im Lexikon las, daß die Schia erst 1502 von einem türkischen Herrscher aus machtpolitischen Gründen erfunden worden war. Normalerweise behauptet man, dass die Schiiten sich schon im 7. Jahrhundert von den anderen Moslems (den Sunniten) gelöst haben und die Schia erst im 16. Jahrhundert die Staatsreligion in Iran geworden ist. Auf diesem Gebiet gibt es noch viel zu forschen, aber ohne Einbeziehung von Johnsons Erkenntnissen wird jede Erforschung der Chronologie unsinnige Ergebnisse bringen.

Literaturhinweise

Detering, Hermann (1995): Der gefälschte Paulus. Das Urchristentum im Zwielicht (s.l.)
Johnson, Edwin (1887): ANTIQUA MATER, A Study of Christian Origins (Trübner a. Co., London)
(1894): „The Pauline Epistles“ (Watts und Co., London)
Topper, Uwe (1998): Die Große Aktion (Tübingen)
(2001): Fälschungen der Geschichte (München)

Dieser Text stammt ursprünglich von 2001, er wurde 2013 leicht überarbeitet.

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