Swift und die Marsmonde
Woher kannte Jonathan Swift die beiden Marsmonde 150 Jahre vor ihrer Entdeckung?
Uwe Topper
Berlin · 2007
swift

Wie kam es, daß Jonathan Swift schon 150 Jahre vor ihrer eigentlichen Entdeckung die beiden Marsmonde Phobos und Daimos kannte? Eines der bekanntesten astronomischen Rätsel ist mit dieser Frage angesprochen: Der Schriftsteller Jonathan Swift veröffentlichte schon 1726 (in »Gullivers Reisen«, Kap. 3), daß Mars zwei Monde habe, und beschrieb sogar ihre ungefähre Entfernung und Umlaufzeit um den Mutterplaneten.

Entdeckt wurden die beiden Monde aber erst 1877 durch den Amerikaner Hall, der ein neuartiges lichtstarkes Teleskop verwendete.

Swift wußte auch, daß es nur an den schwachen Fernrohren lag, daß man seinerzeit die beiden Marsmonde noch nicht sehen konnte. Wie ich staunten viele Schüler und Lehrer über diesen „Zufall“, der keiner sein konnte, und suchten nach einer Lösung des Rätsels. Es wird nämlich kein Astronom behaupten, daß das Vorhandensein der beiden Marsmonde in der Natur der Sache selbst liege oder daß man auf Grund der Bahnmaße oder der Unwucht des Mars auf die beiden Monde hätte schließen können – dazu waren die damaligen Angaben viel zu ungenau, und die beiden Monde sind viel zu klein.

Aus spiritueller Sicht wurde behauptet, daß Swifts Voraussicht ein Beweis für die Möglichkeit prophetischer Fähigkeiten sei, oder daß es eine Möglichkeit gäbe, die Naturzusammenhänge hellsichtig zu erfahren, aber diese Art esoterischer Auflösung des Rätsels hatten wir uns versagt. Es blieb noch meine Vermutung (1977, S. 25), daß frühere Zivilisationen bessere Kenntnisse der Erde und des Sternhimmels hatten als die Astronomen der Renaissance, und letztere auf irgendeinem Wege aus diesen Überlieferungen Nutzen zogen. Da das auch hinsichtlich anderer Berechnungen im 16. Jh. vermutet wurde, bleibt der Gedanke offen.

Tatsächlich geisterte die Behauptung, es gäbe zwei Marsmonde, schon vor Swift durch die Literatur. Der junge Voltaire habe einige Jahre früher dergleichen geschrieben, und zwar in einer utopischen Geschichte, in der Kosmonauten auf den Mars kommen und die beiden Monde sehen. Ich habe den Text noch nicht gefunden, er wird vertrauenswürdig zitiert von Rolf Müller (1966, S. 82). Woher Voltaire die Idee haben konnte, schreibt Müller nicht.

Nun bin ich zufällig auf den Urheber gestoßen: Johannes Kepler war es! In seiner Schrift »Gespräch mit dem Sternboten« (1610) antwortet er auf Galileos gerade erfolgte Entdeckung der vier Jupitermonde begeistert und stellt fest: „Nun hätte ich gerne ein gutes Fernrohr, um Dir zuvorzukommen bei der Entdeckung der beiden Marsmonde, die aus Gründen des Verhältnisses vorhanden sein müssen.“ Auch für Saturn vermutet er sechs oder acht Monde, und möglicherweise einen um Venus und einen weiteren um Merkur.

Auf welches Verhältnis spielt er an? Der Kommmentator meiner spanischen Ausgabe, Carlos Solís Santos (1984/2007, S. 137) erklärt, daß Kepler immer davon ausging, daß der Kosmos harmonisch aufgebaut sei, und daß daher die himmlischen Körper und ihre Bahnen stets in gewissen harmonischen Verhältnissen zueinander stehen müßten. Wenn Jupiter vier Monde hat und die Erde nur einen, dann müßte – vermutet Solís, indem er sich in Keplers Gedankengänge hineinversetzt – der dazwischenkreisende Planet Mars zwei Monde haben, und der äußerste, Saturn, sechs oder acht, je nachdem ob die Reihe arithmetisch (1,2,4,6) oder geometrisch (1,2,4,8) verläuft.

Über die beiden inneren Planeten war sich Kepler nicht sicher und drückte es vorsichtig aus, „vielleicht einen Mond“. Ich meine, die Reihe Erde-Mars-Jupiter-Saturn hätte auch 1,2,4,7 verlaufen können (1, +1=2, +2=4, +3=7), dann hätte Kepler die saturnnächsten sieben Monde getroffen. Die Vermutung, daß außer Jupiter und Erde auch andere Planeten Monde haben müßten, lag für ihn irgendwie nahe. Und war doch aus der Luft gegriffen!

Swift hatte vermutlich Kepler gelesen, denn er verrät sich im selben Zusammenhang weiter: „Der eine (Mond) vollendet seinen Umlauf in 10, der andere in 21 ½ Stunden, sodaß die Quadrate ihres periodischen Umlaufs sich beinahe wie die Kuben ihrer Entfernungen vom Mittelpunkt des Mars verhalten.“ Das ist das Keplersche Gestz für Planeten, auch wenn es für die beiden Marsmonde nicht stimmt.

Wie Müller ausführlich erklärt, stimmen auch Swifts Bahndaten nicht, statt wie 3 zu 5 sind die Abstände 1,4 zu 3,5 (Marsdurchmesser) und statt der genannten Umlaufzeiten wären 7 ½ und 30 Stunden richtig. Ich möchte damit das Rätsel als gelöst betrachten. Die Fantasie hält so viele Möglichkeiten bereit, Naturgeheimnisse zu erklären, daß unter den vielen Vorschlägen, die von Menschen vorgebracht werden, immer wieder welche sein müssen, die annähernd den Sachverhalt treffen. Alle anderen geraten in Vergessenheit.

Literatur
Galileo Galilei (1610): Sidereus Nuncius (span. Übers.: La gaceta sideral (Der Sternbote) und Joh. Kepler, Conversación con el mensajero sideral (seine Antwort) (span. Übers. Alianza Editorial Madrid 2007)
Müller, Rolf (1966): Die Planeten und ihre Monde (Springer, Berlin-Heidelberg)
Swift, Jonathan (1726): Travels of Lemuel Gulliver / Reise nach Laput
Topper, Uwe (1977): Das Erbe der Giganten (Olten/Schweiz)


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