"Zeitensprünge 1/2016" : Die Rezension
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Berlin · 2016  Uwe Topper topper

Besprechung des neuen Heftes der "Zeitensprünge" (1/2016)

Im Editorial wird ein Fanfarenstoß losgelassen: Das Hauptwerk von Illig erscheint auf Italienisch! Hurra, herzlichen Glückwunsch und viele Leser wünscht der Rezensent. Illig hat für das Buch ein zusätzliches Kapitel über die Leerzeit in Italien verfaßt, das er uns hier (S. 78-110) – vorwegnehmend – präsentiert, erfreulich für Leser, die wegen eines einzigen Kapitels nicht das ganze Buch kaufen wollen oder nicht genügend Italienisch-Kenntnisse besitzen. Die Beweisführung für die italienische Leerzeit von 300 Jahren ist die gewohnte: Die Geschichtsschreibung sowie auch die Archäologie haben ein gemeinsames Stiefkind, nämlich den Zeitraum von 600 bis 900 AD. Der kommt auch in Italien zu kurz.
Was ich daraus schließe: Daß auch dort die nachträgliche Ausbesserung des Zeitrahmens zwischen Römerreich und Renaissance hastig und spät erfolgte, nachdem schon viel vergeben war an Dokumenten und Bauten. Da für viele archäologische Datierungen die Vorgaben nördlich der Alpen bestimmend wurden („man dürfte wie in Deutschland generell davon ausgehen...“, S. 79), kann man nichts anderes erwarten als Fundleere bis ins 11. und 12. Jahrhundert konventioneller Jahreszählung. Diese späte Epoche ist für Illig leider uninteressant, so fiel ihm auch nicht auf, daß in Italien die Renaissance sehr früh einsetzt, gut zwei Jahrhunderte, sogar 250 Jahre, vor der mitteleuropäischen. Wie das Rätsel ohne Aufdeckung der Chronologie-Erstellung gelöst werden kann, ist immer noch schleierhaft.
Die arabische Anwesenheit, besonders auf Sizilien, gerät in Zweifel (hier mit Berufung auf die Arbeit von Heinsohn 2003). Mir war anläßlich meiner Sizilienreise 1999 ebenfalls aufgefallen, daß es dort fast keine Moschee-Ruinen gibt. Eine Grundmauer, die als ehemalige Moschee angepriesen wird, hat eine völlig falsche Qibla (Gebetsrichtung), scheidet also aus; bleibt noch der Dom in Palermo, der alles mögliche gewesen sein kann. Wichtig ist dazu Illigs Feststellung, der seine Aussage von 1992 wiederholt, „dass große (arabische) Werke aus Gründen der Ehrfurcht veraltet worden sind, dass also auch islamisches Wissen jünger als geglaubt ist.“ Aus Ehrfurcht? Oder Verstrickung im chronologischen Dschungel?

Das Heft ist diesmal nur halb so dick wie in früheren Jahren, der Grund dafür wurde wohl im vorigen Heft erklärt. Es ist wiederum fast ausschließlich von Illig selbst gefüllt, eine große Leistung! Daneben nennenswert ist noch Andreas Otte mit Erwiderung auf Werner Thiels Ansichten zur Varusschlacht. Thiel erkennt zumindest: „Tacitus ... verwob Fakten mit Erfundenem“ (S. 34) – aber wie das zu trennen sei, ist ihm wohl unklar. Nach Gutdünken geht es sicher nicht. Und bei den alten Jahreszahlen bleiben beide Streitenden allemal, auch wenn in diesem Kreis längst herausgestellt wurde, daß Tacitus erst im 15. Jh. geschrieben wurde, und sogar: wer der Schreiber war (Topper in ZS 2/1996).

Der erste Aufsatz im Heft gibt auch Nicht-Historikern zu denken: Die haarfeinen Steinfugen an altägyptischen Bauten – und nicht nur dort – sind unerklärbar, die Vollkommenheit des Steinbaus bei den Pyramiden ist so unübertrefflich, daß sie selbst mit heutigen Mitteln nicht zu schaffen ist. Nachdem alle Hilfsvorstellungen ausscheiden, bleibt nur der Gedanke an eine Technik, wie sie erst in der Zukunft erfunden werden wird. Wer denkt hier an Erich v. Däniken und seine Astronautengötter? Illig, der diesen ersten Beitrag in seinem Heft dem kürzlich verstorbenen Dr. Horst Friedrich, unserem langjährigen Kollegen, widmet, bespricht das Pyramiden-Buch von Hans Jelitto von 1999, und im Anschluß den in „Zeitensprüngen“ mehrfach zu Wort gekommenen Dr. Dominique Görlitz. Für Sammler von Rätselhaftem eine Fundgrube.

Und dann geht’s nach Kreta, wo der Diskos von Phaistos schon auf seine Entzifferung wartet. Eigentlich müßte ja endlich klar geworden sein, daß es sich um eine Fälschung handelt, wie ich unnötigerweise immer betont hatte, so ist nun doch ein weiterer Schlag in dieser Richtung erfolgt: Ein Kunsthändler aus New York, Jerome Eisenberg, legt seine Gründe vor, die auf Fälschung hinweisen. Illig schweift dann ab, ohne ein Urteil gefällt zu haben, zu Wunderlich und Spengler gegen Evans, der gewohnte Streit um die richtige Deutung von Knossos.

Zusammen mit Werner Frank, der sich in „Zeitensprünge“ schon früher zu diesem Thema geäußert hatte, schreibt Illig eine Glosse, „Tricksereien mit Schalttag und Kalender“. Es geht um die Kalenderreform, zu der ich auf dieser Webseite selbst mehrere Beiträge gebracht habe. Deswegen erlaube ich mir, mit kleinlicher Rechthaberei einzugreifen.
In der Süddeutschen Zeitung zum 29. 2. 2016 schreibt Christian Endt locker aber wissenschaftlich tönend zum Mechanismus des an diesem Tag anfallenden Schalttages. Da sich gleich mehrere Fehler darin verbergen, hat Illig einen Leserbrief an die Zeitung geschrieben, der zwar nicht gedruckt, aber von Endt beantwortet wurde.
Zuerst werde ich anmerken, was ich selbst an dem Text von Endt falsch finde:
1. Er spricht den alten Ägyptern zu, sie hätten gemerkt, „dass die Erde für ihre jährliche Reise um die Sonne nicht genau 365 Tage braucht“ – das ist eher unwahrscheinlich. Die alten Ägypter hatten vermutlich ein geozentrisches Weltbild, das heißt, sie glaubten, daß die Sonne um die Erde kreist. Das heliozentrische Weltbild gab es damals zwar auch schon, aber nicht gerade bei den Ägyptern.
2. Der Satz geht weiter: „nicht genau 365 Tage braucht, sondern knapp sechs Stunden länger.“ Auch das ist unwahrscheinlich, jedenfalls haben sie es nirgends vermerkt, weder auf Papyrus noch auf Tempel- oder Grabwänden. Es gibt nur ein Dekret, eine Inschrift aus der Stadt Kanopus, wo schlicht von einem alle vier Jahre zuzuschaltenden Tag die Rede ist, also glatt sechs Stunden. „Knapp sechs Stunden“ ist dagegen eine Erkenntnis der Griechen, die zwar damals in Ägypten herrschten – es war die Zeit der Ptolemäer, insofern sollte von den „alten Ägyptern“ nicht mehr gesprochen werden – aber die hatten ihre Kenntnisse weder im ägyptischen noch in ihrem eigenen Kalenderwesen zur Wirkung kommen lassen. Hipparchs genaue Kenntnis des tropischen Jahres kursierte nur in Fachkreisen. Cäsar hat dann den glatten Vierteltag von Sosigenes, einem Ägypter aus Alexandria, in seine Kalenderreform übernommen, und Augustus hatte das fürs ganze Römische Reich durchgesetzt (Julianischer Kalender).
3. „Im 16. Jahrhundert fiel auf,“ ... dass das (tropische) Jahr „nicht genau sechs Stunden zu kurz ist, sondern 5 Stunden und 49 Minuten.“ Das ist aber nach heute einhelliger Meinung bereits im „12./13. Jh.“ aufgefallen, sei auch im 15. Jh. eifrig in der Kirche diskutiert, aber erst gegen Ende des 16. Jahrhunderts von ihr korrigiert worden. Die Zeitgenossen von Cusanus und Regiomontanus wußten es längst.
4. Seit Cäsar „hinkte die Zeitrechnung ganze zehn Tage hinterher.“ Eigentlich nicht die Zeitrechnung sondern der Kalendertag. Aber ganze zehn Tage? Das hätte ein Quartaner nachrechnen können: 11 Minuten in 1600 Jahren macht wieviel? Runde 13 Tage. Hier müßte ein anderer Grund vorliegen, aber darauf kommt Endt nicht.
5. Nach Gregors Reform 1582 „bildet der Kalender die Dauer eines Sonnenjahres ziemlich gut ab.“ Hier fehlt der wichtige Punkt: Erst nach jeweils 400 Jahren geht er ziemlich genau. Der persische Kalender ist sehr viel genauer in Jahreslänge und Rhythmus: Schon nach 33 Jahren stimmt er wieder perfekt.
Soweit Herr Endt, dem ich diese fünf Fehler oder Ungenauigkeiten vorwerfe.
Nun kommt Illigs Leserbrief. Das ist verdienstvoll, auf dergleichen Journalismus überhaupt zu antworten. Er greift der Prägnanz wegen nur zwei Punkte heraus, denn die sind schon schlimm genug: 1. Die alten Ägypter hatten nie einen Schalttag eingefügt, und 2. Die Rechnung stimmt nicht! Es müßten 12,82 Tage sein, die in Gregors Zeit zuviel waren.
Endt führt nun das Kanopus-Dekret als Gegenbeweis vor, hat aber kein Glück damit. Der Stein von Kanopus behandelt eigentlich eine andere Thematik und wurde auch nicht beachtet. Wichtiger dagegen: Endt sagt, die Rechnung beziehe sich jetzt nicht mehr auf Cäsar sondern auf das Konzil von Nicäa (wie jeder weiß).
Illig antwortet postwendend: „Dummerweise liegen uns Akten dieses Konzils vor“... Nein, möchte ich zwischenrufen, es sind keine bekannt! Es gibt nur einen Brief von einem Bischof, darin steht nichts dergleichen. Illig betont das auch anschließend, wobei er den Brief Kaiser Konstantin I. zuschreibt. Er unterstellt dann Papst Gregor eine „Notlüge“, wobei mir nicht klar wird, worin diese bestand.
Daß der Journalist Endt schließlich mit einer Korrektur in Sachen 21. März = Nicäa einlenkte, ist zwar verständlich, hat aber vermutlich die Leserschaft der Zeitung nicht erreicht. Er wandte sich dann an Prof. Werner Frank mit der Frage, wie denn dieser 21. März zustande gekommen sei. Und Frank antwortet, indem er Christopher Clavius (1603) anführt: Zu Cäsars Zeit habe es zwei Äquinoktien gegeben, eine politische (25. 3.) und eine astronomische Taggleiche (22. 3.).
Das führt am Ende zu dem Ergebnis: Die nicänische astronomische Äquinoktie lag wie die von Cäsar am 21. 3., und der 22. 3. wurde zur frühesten Ostermöglichkeit. Das hieße dann, Cäsar und Nicänum zeitgleich zu setzen. Oder anders gesagt: Die dazwischenliegenden offiziellen 369 Jahre verpuffen zu nichts. Sinngemäß ist das Illigs weltbewegende These der drei Phantomjahrhunderte. Nur daß er diese 300 Jahre nicht zwischen den beiden „zeitgleichen“ Daten Cäsar und Nicäa streicht, sondern beim Jahr 1000 AD, womit sogleich wieder eine Menge „Dokumente“ und Chronologiekonstruktionen, die für die Zeit davor festgelegt wurden, ins Nichts versinken.
Im Schlußsatz spricht Illig noch einmal von der „päpstlichen Notlüge“, die mir trotz Grübelei nicht in den Sinn kommt. Oder meint er die kirchlich verankerte Zeitspanne zwischen Cäsar und Nicäa? Von der ist in der Bulle und im Compendium nur indirekt die Rede, nämlich als Verschiebung der Äquinoktie um drei Kalendertage. Eine Chronologie wird dort nicht berührt.

Im nächsten Beitrag kommt wieder ein Gegner zu Wort, Philipp von Gwinner, der schon im vorigen Heft die Meinung verrtrat, daß wegen der verschiebbaren Finsternisse nur 232 Jahre zu streichen wären. Man lese meine Rezension dazu, der Schlußsatz lautete: „Spiegelfechterei in Fantasia.“ Diesmal streicht Gwinner nicht 232 Jahre sondern 263 (S. 118), pirscht sich also an die 297 heran, und begründet das so: „Da Plutarch selbst keine biografischen oder zeithistorischen Hinweise gegeben hat, ist diejenige Passung heranzuziehen, die den Vorgaben am besten entspricht.“ Huch – da haben wir es: Passung nach Laune, und schon haben wir eine neue Chronologie. Damit hat sich Gwinner (las er nicht meine ausführliche Besprechung seines vorigen Artikels?) lächerlich gemacht und Illig ist vorläufig gerettet. Übungsfeld für Anfänger in Sachen Chronologiekritik.
Zweimal wird im Heft wikipedia kritisiert, was Illig nicht davon abhält, aus diesem Monster an anderen Stellen positiv zu zitieren. Gewiß sind nicht alle Einträge in diesem Monster Unsinn, aber die Tendenz ist eines Lexikons unwürdig.
Es folgen noch einige lustige Schnipsel wie S. 128: „Das erfundene Böhmen“, wozu ich 2001 (in: Erfundene Geschichte) ein kleines Kapitel verfaßt hatte (S. 172-175) und 2006 (in: Kalendersprung S. 304) noch den von Walther Steller erbrachten Nachweis nachtrug, daß Wenzel Hanka selbst der Fälscher war.
Und das wär’s dann schon wieder, etwas mager diesmal, leider. So kann die Rezension auch zeitnäher erscheinen. Nachzutragen wäre noch, daß Hermann Deterings Augustin-Aufdeckung keine nennenswerten Reaktionen gezeigt hat, trotz Illigs wohlwollender Besprechung im vorigen Jahr (ZS 1/2015). In meinem Buch „Die Große Aktion“ (1998, S. 141) hatte ich den Kirchenvater Augustin provisorisch um ein Jahrtausend (von 413 auf 1413) in eine von Mönchen geprägte Zeitströmung versetzt und über den Hersteller geschrieben: „Wer genau es war, das herauszufinden überlasse ich dem glücklichen Christen, der sich mit der Materie abgibt.“ Ein Dank also an Dr. Detering!

Uwe Topper, Berlin, im Mai 2016