"Zeitensprünge 2/2016" u. f. : Die Rezension
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Berlin · 2016  Uwe Topper topper

Rezension der Zeitensprünge 2/2016

Nun ist Heribert Illig bald Alleinbestreiter dieser Zeitschrift, nur vier Artikel stammen von anderen, und dabei ist außer Andreas Otte, der dankenswerterweise die amerikanischen Velikovskyaner beobachtet, nur ein zustimmender Beitrag erschienen. Wenn nicht anders vermerkt stammen die von mir besprochenen Texte von Heribert Illig. Der schönste Artikel zuerst:
„Tod dem Schönen! Eine zynische Anklage“ (S. 276-281)

Wir sind da alle derselben Meinung, Zeitenspringer wie Gegner: Den Vögeln darf man nichts antun, sie sind unser Gut im Leben und gehören zu unserer Schönen Welt. Was wäre unser Haus und Garten ohne den Wiedehopf?
Nun, nicht jeder von uns besitzt Haus und Garten, schon gar nicht in Istrien, wie Dr. Illig. Aber für den Wiedehopf setzen wir uns allemal ein. Er sieht schön aus, huuuupt so unnachahmlich, zieht liebevoll seine Jungen auf, und Männchen und Weibchen sehen verwechselbar gleich aus mit einander ergänzenden Rechten und Pflichten. Außerdem macht er jährlich eine weite Reise bis nach Südafrika (das wußte ich gar nicht), ein bewundernswerter Bursch. Im nächsten Jahr landet er wieder auf unserem Giebel, ruft seine Gemahlin herbei und bespricht mit ihr hörbar aufgeregt die Lage des neu zu erstellenden Nestes.
Wenn er nicht unterwegs in Afrika oder gar in Italien gefangen und geröstet wurde, oder einfach getötet aus Lust am Morden. Das ist der knackende Punkt, den Illig zur Sprache bringt: Der Wiedehopf und viele andere andere Vögel, vor allem aber ihre Nahrung, die Insekten, könnten ausgestorben sein, wenn im Jahr 2020 das Gesetz zu ihrem Schutz wirksam wird.
Gewiß, mit diesem Appell an Pharmafirmen und Vogelgourmets rennt der Herausgeber offene Türen ein bei seinen Lesern. Dennoch ist es ihm zu danken, daß er 6 Seiten seines Heftes zur Verfügung stellt, dazu in dem von ihm gepflegten scharfen Tonfall, der ja das Lesen beflügelt. Und dazwischen gut verpackt wendet er sich einmal mehr gegen die Leute von Wikipedia (die er im Übrigen in allen seinen Schriften meist zustimmend zitiert), die das vielleicht in dieser Verpackung nicht merken und darum nicht sofort zurückschlagen, denn gegen diesen Rufmordshaufen kommt ja niemand mehr an, das Unternehmen hat sich verselbständigt. Es geht Illig hier um die Titulierung als Verschwörungstheoretiker. Es ist gewiß nicht angenehm, als solcher bezeichnet zu werden, aber so ganz abwegig ist das auch nicht. Der Kritiker wird sogar namentlich genannt (eine Seltenheit dort) und zitiert: Illig gehe ... „von einer Verschwörungsthese aus, ohne jedoch Verschwörer und Zweck der Verschwörung anzugeben.“ – und das stimmt einfach nicht: Die Verschwörer werden durch Illig von Anfang an genannt: Kaiser Otto III und Papst Silvester. Ebenso der Zweck: Herbeireden oder -zwingen des Jüngsten Gerichts bzw. der tausendjährigen Friedenszeit. Das ist alles so oft besprochen und bekrittelt worden, daß ich mir sparen kann, darüber mehr zu schreiben. Der Wiki-Autor hat einfach unrecht; eine ausdrücklichere Verschwörungsbehauptung gibt es nicht.
Vom allgemeinkritischen Öko-Ideal geht der Artikel weiter zur brennend wichtigen Jetztzeit (TTIP) und schaut in die Zukunft: Eine Roboterbiene könnte die fehlenden Bestäubungsinsekten ersetzen, entwickelt ist sie schon, nur mit dem Strom hapert es noch. Wie üblich – unser Hauptproblem ist der Strom. Geht sparsam damit um, möchte ich anfügen: spart Strom, Leute! Und lest diesen Artikel von Illig, er ist scharf gewürzt!

Da wir schon mal im Vogelbereich sind – übrigens: sechs hübsche Sittiche zieren diesmal das Titelbild des Heftes – gehe ich rückwärts, der vorige Artikel heißt: „Übers Vogelhirn“ (S. 265-275).
Da geht es viel um das Gehirngewicht, wobei die Bedeutung dieses Wertes als unsinnig hingestellt wird. Dahinter aber liegt der alte Streit: Kann Wissen und Verhalten vererbt werden? Unterirdisch ist Lamarck geblieben, der Instinktbegriff wird zum Mogeln drübergestülpt. Instinkt kann nicht einerseits angeborenes Verhalten bezeichnen und andererseits das erlernte Verhalten der Vögel im Schwarm beschreiben. Daraus hätte Illig einen interessanten Aufsatz machen können, so bleibt es beim kurzen Anstoß.

Nun aber endlich von vorn: Nach einer noch unausgegorenen Bemerkung zu den Fälschungen (oder nicht) von Bernstorf und Nebra, deren Fortsetzung spannend werden könnte, und Kommentaren zum Fugenrätsel an den Pyramiden, die aber das Rätsel nicht lösen helfen, kommt der wichtigste Artikel des Heftes: vierzig Seiten zum „Fehlen richtiger Bibliotheken und zugehöriger Räume vor 1350“ (S. 138-178).
Gewiß denkt der Eingeweihte sofort an Luciano Canfora (deutsch 1998; siehe Topper 2001), den sympathischen und unübertrefflichen Kenner der klassischen Antike, der die historiographisch dorthin versetzten Bibliotheken unwiederbringlich verschwinden ließ; er wird im Literaturverzeichnis auch genannt, im Text kommt er nicht vor, weil er ja einen ganz anderen Zeitraum bearbeitet hat. Illig geht es ums Mittelalter, da sieht es nicht ganz so übersichtlich aus, aber am Ende steht recht plausibel, daß die großen Buchbestände und entsprechenden Räumlichkeiten nur erdacht wurden. Als Beispiel bringt er eine namentlich nicht genannte Bibliothek, die ein Romanschriftsteller verherrlicht habe, Umberto Eco, der uns damit ein völlig falsches Bild vom mittelalterlichen Buchbetrieb vermittelt. Zumindest in dem von Illig besprochenen Spezialzeitraum bleibt wenig an Realität für viele Bücher und ihre Regale. Ab dem 14. Jahrhundert sieht er dann mehr Möglichkeiten. Was ich punktweise anzweifle. Wenn er mehrmals die päpstliche Bibliothek von Avignon mit rund zweitausend Bänden erwähnt (für AD 1369, 1411 und S. 151 ohne Jahreszahl), dann kann ich ihm zurufen: Ich war dort! Auch bei der offiziellen Führung durch den Papstpalast wurde keine Bibliothek gezeigt, auf meine Frage gab es dort nur einen Erker mit Schreibtisch (Topper 2003, S. 161).
Ähnlich sah es in vielen Klöstern aus, wie Illig mit fleißig gesammelten archäologisch-architektonischen Nachweisen belegt. Und was die vielen Bücher angeht – sie müssen in Truhen und Schränken (Armarien) aufbewahrt worden sein, die fabulös berechneten Regale sind eher Spinnerei. Warum? Das erwähnt der Kenner Illig leider nicht, ist aber selbstverständlich: Pergament und Papier sind bevorzugtes Material für Mäuse und Ratten zum Nestbau (und schmecken auch nicht schlecht, wenn man so arm ist wie eine Kirchenmaus). Ich kann ein Lied davon singen; gar mancher meiner geschriebenen oder gedruckten Schätze ist feingeraspelt in der zweiten Regalreihe wieder aufgetaucht. Eine Katze ist das mindeste, was man als Bibliothekar füttern muß, doch davon ist in den Klöstern nie die Rede. Bleiben also nur die gut verschlossenen Behältnisse, und die bieten nicht viel Platz. Eben, die Anzahl der vorgeblich aufbewahrten Bücher, die Illig schon erschreckend gering findet, war eher noch viel kleiner, bevor der Buchdruck einsetzte.
Der nicht gerade zielstrebig aufgebaute Artikel regt zum Nachdenken an, zitiert lesenswerte Kollegen wie Paul C. Martin, und vor allem: er soll fortgesetzt werden.

„Der rätselhafte Koran“ (S. 195-206) beginnt als Rezension eines vor fünf Jahren erschienenen Buches von Barbara Köster, die sowohl Günter Lüling als auch die Saarbrücker Schule (Luxenberg, Puin etc.) verarbeitet hat. Das erregte natürlich Aufsehen im akademischen Betrieb und scharfe Kritik seitens der Mohammedaner, basiert es doch auf hundert Jahre alten Erkenntnissen europäischer Wissenschaftler (wie Goldziher), die auch im innerislamischen Lehrbetrieb nicht umgeworfen werden. Die Enzyklopedie des Islam war bisher weitgehend maßgeblich für islamische Theologen. Leider hat Köster unsere chronologischen Erkenntnisse nicht einbezogen, das hätte ihre Arbeit vielleicht vereinfacht.
Oder auch unnötig verkompliziert, denn Illig schließt an seine Rezension einen neuen Datierungsansatz für den Islam (schon wieder einen) an, den er an einigen Bauten durchspielt. Meines Erachtens hat Illigs neuer Ansatz keine Chance auf Verifizierung, wenn er die Zeitrechnung Kat Araba statt auf 622 (ausgedacht) „probehalber“ auf 450 AD ansetzt, also um „172 Sonnenjahre“ verfrüht.
Wenn zwei Flüsse zusammenströmen, fließen sie noch eine Weile nebeneinander her, ohne sich zu mischen, aber nach einigen Kilometern ist es nicht mehr möglich, die beiden Wässer getrennt zu betrachten. Für Jahreszahlen gilt das ebenso. Jedenfalls läßt sich nach mehreren Jahrhunderten nicht mehr feststellen, wer wann die beiden Zeitströme nebeneinanderstellte. Gescheitert sind in diesem Sinne sowohl der ungebremst fleißige Klaus Weißgerber als auch der frühe Mitarbeiter Manfred Zeller. Das Herumschieben von Jahreszahlen und Leerzeiten wirkt nach so vielen Jahren von Versuchen und Vorschlägen inzwischen peinlich.
Das spürt man auch in dem „Kommentar zum Ansatz der Larssons“ (S. 239-242). Da geht es um das Propagieren einer neuen „Lückenlänge“ (Phantomzeit), es ist die Rede von „feindlicher Übernahme“, „juristischer Klage“, „Geldversprechen“ und „Kapital schlagen“, alles ohne genauere Ausführung, es dreht sich um das Ehepaar Larssons, die 218 Jahre vorschlagen; das sind erfolglose Versuche, Illigs 297 Jahre zu falsifizieren. Mit klarer Sprache wird auch Wolfhard Schlosser abserviert, der über Eklipsendaten versuchte, die Kontinuität der Historikerzeit zu beweisen. Erfolglos. Und dann folgt eine Tabelle mit den Ansätzen von Zeitensprünge-Autoren, die alle dieselbe Phantomzeitthese unterstützten, nur jeweils eine andere Zeitlänge vorschlugen. Außer Ulrich Voigt, der schlicht Null Jahre erkannte, reichen die anderen zehn von 200 bis 1000 Jahren, ein weites Feld. Darunter ist auch Renate Laszlo mit „297 und 300 Jahren, aber ... an anderer Position.“
Das könnte den Eindruck erwecken, daß Illigs These mit wissenschaftlicher Strenge durchdiskutiert wurde und nur im Detail verbesserungsbedürftig sei. Aber das Detail ist schon störend, wenn nur ein Jahr anders liegt, weil dann die Schaltjahre nicht mehr stimmen, wie der Rezensent vor vielen Jahren feststellte. Sogar Fomenko und Marx werden anschließend noch erwähnt, obgleich es sich bei Fomenko um verschiedene historiographische Intervalle handelt (keine Phantomzeit) und Marx gnadenlos jede Art von Phantomzeit ablehnte und statt dessen auf der Unmöglichkeit beharrte, dergleichen Kalkulationen anzustellen, was der Rezensent voll unterstützt.

Anschließend sehen wir einige verführerische Bilder mit kurzem Text von einem wohlwollenden Neuling, Mathias Dumbs: „Wanderung eines antiken griechischen Skulpturentypus quer durch Eurasien“ (S. 243-254).
Ganz so erstaunlich, wie Dumbs meint, ist der Einfluß griechischer Plastik in Asien nicht. Man denke an Baktrien oder Bamian, vor allem Gandhara (um Taxila) und dessen Fortströmen in Richtung Ostasien. Der hellenistische Einfluß auf den Buddhismus kann durchaus an der Kunst gezeigt werden, wie auch umgekehrt indische Kunstelemente in die byzantinsiche und katholische Ikonographie eingingen. Die Übernahme des griechischen Elementes „Standbein-Spielbein“ in buddhistischen Gestalten ist überraschend, aber dann auch wieder nur wenig belegt, und die völlige Nacktheit der griechischen Frauengestalt in Indien recht selten. Zwischen der Aphrodite von Knidos (Bild 2) und der Durga aus Kambodscha (Bild 5 und 6) sehe ich kaum noch Gemeinsamkeiten. Erwähnung verdient die Einflußnahme dennoch in unserem Arbeitsgebiet: Sie liegt sieben Jahrhunderte auseinander (von den römischen Marmorkopien an gerechnet), und das ist einfach zuviel für eine Kunstströmung, die – auch wenn sie einen so weiten Weg wie den von Hellas bis Kambodscha zurückzulegen hatte – handwerklich und ideell „ankommen“ will. Die Hinweise auf eine chronologische Neuordnung, wie der Autor am Schluß andeutet, haben wohl auch Illig bewegt, den netten kleinen Beitrag zu übernehmen.

Der Nachruf auf Christoph Marx, eingestandenermaßen Gründer dieser ganzen Bewegung in Deutschland, fällt sehr knapp (eine Seite mittendrin, S. 264), unwillig, ja abwertend aus. „Er war der Mann für Zwischenreiche, Dunkel- und Grauzonen.“ beginnt der Nachruf. Als ob die dunklen Zeitalter nicht das Hauptthema unseres ganzen Forschens wären. Für Illigs Promotion hatte Marx nur „Unmut“ übrig. Illig dagegen denkt „an ihn als einen klugen und charmanten Gesprächspartner, der als grimmiger Pamphletist alles wieder einriss, was aufzurichten er begonnen hatte.“ Das tun große Geister: Ergebnisse annulieren, wenn sie sich als falsch erwiesen haben. Könnte Herrn Illig ein Vorbild sein.

„Neues von den Dracologen?“ (S. 282-285)
Besprechung eines Buches von Josef Reichholf. Frei herumliegende versteinerte Saurier gab es früher gewiß mehr als heute, die Relikte wurden häufig wie Reliquien aufbewahrt; zumindest kann sich der Mensch an Hand solcher Funde schon früh sein Teil gedacht und „Drachen“ als lebendiges Mittelding zwischen Saurier und Waran ausgemalt haben, wie Illig nahelegt. Ob sie wirklich alle ausgestorben waren? Ich habe an Biotope gedacht, die zum Überleben der Saurier geeignet waren – der oberrheinische Grabenbruch zum Beispiel – so daß die Siegfriedsage doch auf einen realistischen Hintergrund zurückgreifen konnte. Das mag eine Spinnerei ohne Beweis sein, anregend und mit Hoffnung auf weitere Erkenntnisse ist sie dennoch. Aber so, wie Reichholf sich das denkt, ist es kindisch, das hat Illig gut herausgekehrt.
Die reichhaltige Fauna am Rande des Niltals im alten Ägypten zeigt zumindest soviel: Die Sahara lebte ‚damals‘ noch. Warum das „ein für die ägyptische Chronologie wichtiger Hinweis“ ist, wie Illig sagt, bleibt unklar. Bei Reichholf ist die Zeit vom achten bis zweiten Jahrtausend v. Ztr. gemeint, und diese sieben Jahrtausende schrauben Illig-Heinsohn ja gerade herab auf zwei, ohne daß von der Tierwelt der Wüste die Rede wäre.
Schön daß auch mal Bölsche (1929) zitiert wird, unsere Jugendlektüre...
Druckfehler wie Sinnfehler gibt es auch immer wieder. Ich erwähne mal hier die „schlesische Eider“ (S. 282), das ist der Fluß, in den Spanuth seinen Phaeton stürzen ließ. Er fließt aber nicht in Schlesien sondern in Schleswig-Holstein.

Unter den Fundsachen am Schluß ist die letzte beachtenswert (S. 290): Luis Buñuel äußerte sich zu den vier apokalyptischen Reitern und identifizierte den letzten und schrecklichsten als Symbol für die Medien. Wozu die „Zeitensprünge“ zu rechnen wären.

Uwe Topper im Oktober 2016

Zeitensprünge 1/2017

Inzwischen ist nun auch das Heft 1/2017 der Zeitensprünge von Heribert Illig herausgekommen, einen Monat früher als zu erwarten gewesen wäre, wie Illig schreibt, und auch mit bissigen Hinweisen auf aktuelle politische Themen, was bisher selten der Fall war.
Sowohl die frühe Besiedlung Amerikas als auch die Goldherstellung in frühgeschichtlicher Zeit sind Kernpunkte des Heftes, kompetent besprochen und mit neuesten Erkenntnissen angereichert. Mich hat dabei besonders die Diskussion um die Fälschung goldhaltiger Funde der Bronzezeit angezogen, und ganz speziell die um die Echtheit der Nebra-Scheibe. Man wird sich erinnern, daß ich seinerzeit, als der Fund dieser komischen Scheibe bekannt gemacht wurde, zu den ersten gehörte, die „Fälschung“ schrien, und das nie widerrufen habe, nicht nur gegen härteste naturwissenschaftliche Aussagen sondern auch gegen die entsetzten oder zumindest enttäuschten Kollegen, die diese Himmelsscheibe als den ultimativen Beweis für die hohe astronomische Wissenschaft der Bronzeleute in Thüringen und zum kostbarsten erklärten, das je in unseren Breiten gefunden wurde. Dem kritisch referierenden Illig kommen nun wohl auch Bedenken, er äußert seine Meinung nicht explizit, konzentriert sich auch auf die wohl längst geklärte Erkenntnis, daß der Fundzusammenhang des „Hortes“ zweifelhaft ist, daß also die mit der Scheibe gefundenen Schwerter usw. nicht dazugehören, weder zeitlich noch handwerklich. Über das Gold auf der Scheibe wird nun kontrovers berichtet, seine Herkunft wird wohl noch einige Male wechseln, je besser die naturwissenschaftlichen Methoden voranentwickelt werden. Daraus allein kann gewiß keine Entscheidung über echt oder gefälscht getroffen werden, die dürfte vorläufig weiterhin nur über die Aussage auf der Scheibe selbst möglich sein, also aus inhaltlichen Gründen, wie schon Joseph Aschbach 1868 prinzipiell zeigte: Materialien und Formen können von Fälschern immer besser hergestellt werden als von den Fachleuten (sonst wären sie keine Fälschungen sondern Unfug), eine Sichtung kann nur aufgrund der inhaltlichen Aussage getroffen werden. Und die ist bei der Dekoration der Scheibe von Nebra meines Erachtens dermaßen dumm, daß es jeder sehen müßte. Stattdessen werden die größten mathematisch-astronomischen Geheimnisse darin gefunden, die jeden modernen Astrologen erblassen lassen. Und Astronomen eigentlich nur zum mitleidigen Lächeln bringen: der Halbmond steht verkehrt herum, die Plejaden sahen auch in der Frühgeschichte nicht so aus, geschweige denn heute; die geografische Breite des Fundortes kann man in jeder beliebigen Zeichnung finden, in der es keinen definierten Nullpunkt gibt, usw.
Warum wurden vor dem Reinigen der Scheibe durch die Archäologen, die in der Ausstellung von Nürnberg (wo allerdings anstelle der Scheibe nur eine Nachahmung gezeigt wurde, schade ums Eintrittsgeld) noch behauptet wurde, nicht Proben der Verunreinigungen genommen? Unreinheiten wurden untersucht, nämlich ein Zehntelgramm des Bodens, hauptsächlich Sand, der der Scheibe noch anhaftete. A bissel wenig: 0,1 g.
Solche Feinheiten bringt Illig zur Sprache und dafür sei ihm Dank!
Gegen die Behauptung, die Scheibe von Nebra sei eine moderne Fälschung, hat Ernst Pernicka sein ganze Gewicht als Fachmann aufgeboten, dagegen den Fund von Bernstorf als Fälschung entlarvt. Nach Illigs Rezension der entsprechenden Behauptungen sieht es nun so aus, als wäre es eher umgekehrt! Ob es sich hier um einen reflexiven Vorgang handelt? Aus den Argumenten kann man etwas lernen: eine Datierung von frühgeschichtlichen Gegenständen ist so ungewiß wie immer, die Naturwissenschaftler haben nur Hilfestellungen bereit, eine Entscheidung können sie nicht treffen. So bleibt eben doch nur die Inhaltsprüfung, und die bringt in beiden Fällen keine ermutigenden Ergebnisse. Für mich steht weiterhin fest: Die Scheibe von Nebra ist eine plumpe Fälschung.
Von den weiteren Aufsätzen in diesem Heft kann ich der Kürze halber nur einige erwähnen. Weiterführend in unserer Forschung ist Illigs Besprechung des Buches von Antonio Foresti (1625-1692), „Die Leben derer Königen in Dännemarck und Norwegen“, dem Illig als Ergebnis „Zwei Jahrtausende erfunden“ in der Überschrift zuteilt. Allerdings vergleicht er stets mit den heute gängigen Vorstellungen alter Geschichte, wie sie in wiki reflektiert wird. Ob das noch lange als Maßstag dienen kann? Der Weg, wie der „heutige Forschungsstand“ der Geschichte Skandinaviens (und der übrigen Welt) zustandekam, wird nämlich durch Illig gerade am Beispiel Foresti gezeigt: Es handelt sich nicht um „frommen Betrug“ sondern um „ehrgeizigen Betrug“, sagt Illig; „es wird überdeutlich, dass nationales Selbstwertgefühl unbedingt uralte Wurzeln benötigt.“ Ein schönes Lehrstück aller Spielarten von Thubalismus (dem Topper 1977 auf den Leim ging im angehängten Kap. 22, / korr. 1998 S. 77 ff), der dennoch in vielen Historien noch wilde Blüten treibt! Jahrtausende mit wunderbaren Königen und Helden wurden aus dem Ärmel geschüttelt, immer wieder ausgeschmückt oder ausgeschieden (je nach Bedarf), mit anderen Geschichtssträngen verknüpft zu einem festen Netz, das dann so unzerreißbar wurde, daß es bis heute weiterwächst, auch wenn die Vorgänge der Erfindung – hier im 17. Jh., aber schon seit Tritthemius und noch bei Schmeller und Hanka im 19. Jh. – inzwischen längst bekannt sind. Die skandinavische Lücke in dieser Aufdeckung wurde nun hiermit durch Illig geschlossen, kaum neun Seiten, die es in sich haben.
Der Streit um die Entstehung des Christentums, den Illig mit Atwill und Weber unter Berücksichtigung von Carotta in diesem Heft breit fortführt, mag für Agnostiker amüsant sein; er wäre allerdings im 19. Jh. aktuell gewesen und ödet dermaßen an, daß man nur drüberfliegen möchte, denn wesentlich neue Hinweise kommen nicht heraus. Statt dessen wird wiedermal alter Wein in alte Schläuche gefüllt, daraus wird eher Essig.
Sinnentstellende Flüchtigkeitsfehler (zweimal David statt Daniel usw.) kommen leider auch wieder vor, Illig leistet eben Titanenarbeit.

Uwe Topper im Mai 2017


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