Eine Polsprungmythe in berberisch-sufischer Überlieferung
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Berlin · 1995  Uwe Topper topper

gedruckt in Zeitensprünge 1/95 S.59–73

Eine Polsprungmythe in berberisch-sufischer Überlieferung
Uwe Topper

In seinem genialen und bahnbrechenden ersten Werk, Welten im Zusammenstoß hat Immanuel Velikovsky (1950 Teil 1, Kap. 5) die frühgeschichtlichen Umkehrungen des Sonnenlaufs ausführlich besprochen und mit einer Fülle von antiken und ethnographischen Überlieferungen in Verbindung gebracht, wobei es ihm erstmals gelang, einen sinnvollen Zusammenhang herzustellen. Dabei hat er vor allem Herodots Aussage, die unzählige Male schon diskutiert und meist kopfschüttelnd als unlösbar abgetan worden war, grundlegend erklärt. Trotz allem Weitblick scheint aber Velikovsky in einem Punkt hinsichtlich der Taumelbewegung der Erde nicht klar durchschaut zu haben, wie der Vorgang zu beschreiben wäre, weshalb er z.B. sagt, daß bei einem “Vertauschen von Ost mit West und Nord mit Süd“ die Sternbilder "auch in umgekehrter Reihenfolge“ erscheinen würden (S. 111). Auf einem Wandgemälde wie im Grab des Senmut, das einen Augenblickszustand wiedergibt, würden uns die Sternbilder tatsächlich in umgekehrter Reihenfolge erscheinen. Dennoch bliebe das Erscheinen der Sternbilder im Jahreslauf am Himmel auch bei einer Umkehrung der Bewegungspole der Erde in der normalen Abfolge (Zodiak) erhalten.
Erst Peter Warlow fand 1978 das letzte noch fehlende Detail heraus, das die Beschreibung der Polumkehrung endlich vollständig macht.

Die von zahlreichen Geophysikern seit den 60er Jahren durch Bohrkernuntersuchungen festgestellten und gut publizierten Erkenntnisse über Umkehrungen, Sprünge und Wanderungen der Magnetpole der Erde wurden durch Peter Kaiser (1971, 1976) im deutschen Sprachraum populär gemacht und sind seitdem Thema heißer Debatten im wiedererstehenden katastrophistischen Weltbild (A. de Grazia 1981, 1983; G. v. Haßler 1981; V. Clube und B. Napier 1990 u.a.). Selten erwähnt werden dabei die geistigen Väter dieser Polsprungszenarien im 20. Jh., vor allem Herman Wirth (1928) und Hörbiger/Fauth (1913/1925), deren von Millionen gelesene und erregt diskutierte Bücher im In- und Ausland den Boden für die Akzeptanz der Polsprungthese erst reif gemacht haben.

polmythe

Zwei wichtige Punkte der neueren Erkenntnisse sind folgende:
1. Ein plötzliches Anhalten der Erde in ihrer Rotation und erneutes Inbewe-gungsetzen in entgegengesetzter Richtung ist völlig ausgeschlossen, weil dadurch die Erdkruste und alles höhere Leben auf ihr total zerstört worden wären. Da Menschen den Vorgang der Sonnenlauf-Umkehrung überliefert haben, muß dieser relativ harmonisch abgelaufen sein. Die dabei überliefer-ten Katastrophen halten sich in Grenzen: Versinken von Festland und Auf-steigen von Inseln aus dem Meer, Erdbeben und Flutwellen, länger währen-de Dunkelheit, Veränderung der Klimazonen und der Jahreslänge, Vernich-tung ganzer Völker und Zivilisationen usw, aber eben begrenzt.

2. Ein plötzlicher Zusammenbruch des erdmagnetischen Feldes, und sei er auch noch so kurz, hätte die Vernichtung sämtlichen Lebens auf der Erde zur Folge, da die dadurch ungehindert einfallende kosmische und solare Strahlung (UV etc.) extrem lebensfeindlich wirkt. Eine allmähliche Verlagerung der magnetischen Pole hat jedoch nach Aussagen der Geophysiker nicht stattgefunden, denn man fand nur entgegengesetzte magnetische Positionen ohne Zwischenstufen. Auch an den Küstenlinien von Inlandsseen ist ables-bar, daß die jeweilige Umkehrung in äußerst kurzem Zeitraum erfolgt sein muß.
Die Frage ist: Wie können diese beiden Grundbedingungen mit der Umkehrung des Sonnenlaufs vereinbar sein? Peter Warlow fand die Antwort an einem Weihnachtstag mit Hilfe eines Kinderspielzeugs. Ohne diesem genialen Geistesblitz seinen Überraschungseffekt nehmen zu wollen, möchte ich doch hier kurz mitteilen, daß ein begeisterter Mitarbeiter der VFG-–Gruppe im Verlaufe unserer monatelangen Diskussionen des Problems in einer nicht endenwollenden Nacht im August 1994 in Berlin auf die Lösung des Problems stieß, indem er einen Globus in die richtige Drehung versetzte. Auf die euphorischen Mitteilungen an Interessierte in den nächsten Tagen folgte die Information (durch Dr. Friedrich, Worthsee), daß Peter Warlow eben diese Lösung bereits 1978 publiziert habe.
Warlow, der auf Wegener, Hapgood und vor allem Velikovsky aufbaut, fand die Erklärung für Artensterben, Eiszeitphänomene und Magnetpolum-kehrung mit Hilfe eines “Stehauf-Kreisels“, wie man ihn in jedem Spielwarenladen für ein paar Mark erstehen kann. Wer seiner (und meiner verkürzten) Beschreibung nicht folgen kann, sollte sich einen solchen Kreisel besor-gen und das Spiel nachvollziehen. Wir haben es jedenfalls getan.

Wenn man diesen Kreisel, dessen Schwerpunkt in der runden unteren Halbkugel liegt, an seinem oberen Stab in Drehung versetzt, beginnt er nach kurzer Zeit zu schwingen, rollt dann über seinen Äquator und stellt sich danach umgekehrt auf den Stab, wobei er in dieser labilen Gleichgewichtsstellung munter weiterkreist. Dieser Bewegungsablauf ist der von uns festge-stellte, einzig mögliche bei einer Polumkehrung. Auf die Unterschiede zwischen Kreisel und Erde - sie sind zahlreich - möchte ich hier nicht einge-hen, sondern nur herausholen, was Warlow aus diesem Erlebnis gelernt hat:
Der Kreisel hat während der gesamten Umkehrung seiner Pole die eigene Drehrichtung beibehalten. Für einen äußeren Beobachter rotiert er weiterhin in derselben Richtung um sich selbst, während für einen Beobachter, der sich auf dem Kreisel befände, ein fester Punkt außerhalb - eine Lampe etwa - nun in umgekehrter Richtung in Bewegung erschiene. Damit wäre für Menschen auf der Erde der sichtbare Sonnenlauf umgekehrt (Inhalt aller entsprechenden Mythen), ohne daß die Erde - was ja undenkbar ist - ange-halten und dann in entgegengesetzter Richtung wieder in Bewegung gebracht worden wäre.

Im folgenden will ich den Bewegungsablauf der Erde während eines Polsprungs in eigenen Worten veranschaulichen:
1) Wenn man vom Polarstern aus auf die Erde schaut, dreht sich diese auf ihrer Bahn um die Sonne linksherum und außerdem linksläufig um sich selbst, d.h. in beiden Fällen gegen den Uhrzeigersinn. Der Einfachheit halber nennen die meisten Autoren diese Bewegung “vorwärts“ und die entgegengesetzte “rückwärts“, außerdem die Position des Polarsterns “oben“, die entgegengesetzte “unten“.
2) Während der gesamten Taumelbewegung bleibt die virtuelle Drehachse stets in ihrer ursprünglichen Stellung erhalten, also 23° zur Bahnebene geneigt, während die körperliche Achse (die Unterscheidung der beiden Achsenbegriffe stammt von H. Illig) ähnlich wie bei Nutation (geringe Veränderung im Verlauf von 18,5 Jahren) und Präzession (ein voller Kreis in 26.000 Jahren) mit den Polen eine Wendung von 180° vollzieht (“fast precession“ bei Warlow 1982, 25). Ein besonderer Fall wäre denkbar, bei dem die Erde vor der Umkehrung ihrer Pole tatsächlich senkrecht zur Bahnebene rotiert hatte (Situation des “ewigen Frühlings“ der Mythen), nach der Umkehrung diese Stellung aber nicht mehr einnehmen konnte und nun etwa 23° geneigt zur Bahnebene kreiste, wodurch die heute typischen Jahreszeiten ausgelöst worden wären. Dieser Gedanke (Topper 1977, 77) sei nur am Rande erwähnt.
3) Projiziert man während der Taumelbewegung den scheinbaren Son-nenlauf auf die Erdoberflache, so ergibt sich ein S-förmiges Bild. Das S beginnt im Bereich zwischen den beiden Wendekreisen, verläuft über einen der beiden Pole und pendelt sich in umgekehrter Richtung zwischen den beiden Wendekreisen wieder ein.
4) Dabei wandert der Nordpol von oben nach unten und auf der Gegen-seite der Südpol von unten nach oben.
5) Die Fliehkraftrichtung beschreibt einen Halbkreis vom Äquator zu einem der beiden Pole und weiter bis zur um 180° entgegengesetzten Stelle.
6) Die Rotationsgeschwindigkeit der Erde wird im Gebiet von 45° nördl. und südl. Breite relativ stabil bleiben, darum werden dort auch die Zerstörungen am geringsten sein. Die Polgebiete gewinnen an Geschwindig-keit von 0 bis zur Äquatordrehgeschwindigkeit (ca. 1.600 kmh) und wieder zurück bis gegen 0. Am Äquator wird diejenige Stelle, die auf dem Meridian der Polwanderung liegt, bis auf 0 abgebremst und wieder beschleunigt, während diejenigen Gebiete, die im Winkel von 90° dazu auf dem Äquator liegen, sich mit der gewohnten Geschwindigkeit bewegen, so daß auch dort die Zerstörungen begrenzt sind.
7) Der gesamte Vorgang könnte sich während “eines Tages und einer schrecklichen Nacht“ (Platon) abspielen. Dies nimmt auch Warlow an. Die Verzögerung müßte in wenigen Tagen auszudrücken sein. Mit Unregelmä-ßigkeiten der Erdbewegung in der Folgezeit (“Einpendeln“) ist natürlich zu rechnen.
8) Die Katastrophen werden also je nach Standort auf der Erde ver-schieden stark sein, sie dürften an einigen Orten so gering ausfallen (etwa im Hochgebirge auf 45° Breite), daß Menschen überlebt und davon Erinnerung bewahrt haben können. An den Meeresküsten dagegen dürften die Verheerungen enorm gewesen sein.
9) Wenn es damals schon einen zur Erde gehörigen Mond gab, und wenn die Mondbahn durch die Ursache nicht über Maßen in Mitleidenschaft gezogen wird, bleibt die sichtbare Mondbewegung einschließlich der Phasen auch nach der Katastrophe unverändert.
10) Ebenso bleibt auch die Bewegungsrichtung des Sternenhimmels, speziell die Reihenfolge des Zodiak, dieselbe. Allerdings ist nach der Kata-strophe für einen Bewohner außerhalb der Wendekreise der entgegengesetzte Sternhimmel zu sehen, d.h. der südliche Sternhimmel für den, der vorher den nördlichen Sternenhimmel sah. Wenn man also in Athen vor dem Polsprung über sich das Kreuz des Südens sah, sieht man danach den Großen Bären im Zenit.
11) Was sich tatsächlich umgekehrt hat, ist der scheinbare Sonnenlauf und der tägliche Sternenlauf. Zur Beschreibung dieses Ereignisses empfiehlt es sich, den Horizont als Merkpunkt anzugeben (Gebirge, Meer usw.), denn die Ausdrücke für Himmelsrichtungen, wie Osten (= Aufstehen) und Westen (= Abend), Orient (= Geburt) und Okzident (= Niedergang), Scharq (= Trennung) und Gharb usw., drücken ja in sich selbst schon den Sonnenlauf aus. Eine wörtliche Übertragung (wie z.B. bei Koran, Sure 55,18 ist dann irreführend).
Außerdem wird eine Jahreszeit von sechs Monaten übersprungen bzw. doppelt durchgemacht, je nachdem, wann der Polsprung stattfindet.
12) Während der Taumelbewegung der Erde sah der scheinbare Son-nenlauf für jeden Punkt der Erde verschieden aus. Da es sich nach Herodot (11,142) und vielen anderen Quellen um mindestens vier verschiedene Vorgänge in der Erinnerung des Menschen handelt, ist eine genaue Rekon-struktion der einzelnen Vorgänge fast unmöglich. Nur gewisse Einzelheiten könnten Aufschluß geben: Wenn ein anderes als das heutige Modell des Zodiak überliefert wird, dann dürfte die Neigung der Erdachse zu ihrer Bahn (heute 23°) auch anders gewesen sein, wofür es Hinweise bei Chaldäern und Ägyptern gibt.

Übrigens hat M. Reade (1983) Warlows Szenario in einem Modellversuch mit einem über einem Gasstrahl freischwebenden Tischtennisball durchgeführt, also die dem Kreisel spezifischen “Fehler“ vermeiden können, und erstaunlich gute Resultate erzielt.
Slabinski (1981) dagegen hat einen wichtigen Punkt durch mathemati-sche Überlegungen in Frage gestellt, nämlich den von Warlow angenomme-nen Boliden, Kometen oder Planeten als äußeren Verursacher der Umkeh-rung, wobei Warlow strikt Velikovsky gefolgt war. Slabinski errechnete nach Newtons und Eulers Prinzipien, daß der Verursacher unverhältnismä-ßig groß gewesen sein müßte: Selbst nach den korrigierten Daten von 1983 ergäbe sich für den Boliden noch 62-fache Sonnenmasse, wenn er die Erde als kompakte Kugel umdrehen sollte, und 68-fache Jupitermasse, wenn es sich nur um die Umkehrung der Erdkruste (ohne den Kern) gehandelt hätte, eine Theorie, die seit Wegener viel diskutiert wird. Und diese enormen Massen müßten im Abstand von 2 Erdradien an der Erde vorbeigebraust sein - für unser Szenario völlig undenkbar. Slabinski räumt aber ein, daß bei elektromagnetischer Einwirkung (die auch Velikovsky meist im Sinn hatte) andere Berechnungen aufzustellen wären.

Nun möchte ich zunächst einmal darauf hinweisen, daß in den Mythen der Völker, auf die wir uns bei unseren Überlegungen hauptsächlich stützten, kaum je von einem Boliden als Verursacher die Rede ist, wogegen die Auswirkungen wie Dunkelheit, Erdbeben und Flutwellen detailgetreu geschildert werden. Bei den Texten der Ägypter und Griechen hat man eher den Eindruck - Mayas und Hindus haben sogar feste Systeme aufgestellt -‚ daß die Polsprungereignisse sich “von Zeit zu Zeit“ und mit gewisser Regelmäßigkeit abspielen. Dies würde den zufälligen Vorbeiflug eines “irrenden“ Himmelskörpers als Verursacher erübrigen und eher ein der Erdrotation oder dem Sonnensystem als Ganzem innewohnendes Moment vermuten lassen.
Der Stehauf-Kreisel mit seiner verblüffenden Bewegungsumkehrung hat ja gezeigt, daß er diese Umkehr ohne weitere äußere Einwirkung “ganz von selbst“ ausführt, sobald er leicht zu trudeln beginnt. Grund dafür ist offensichtlich, daß sein Schwerpunkt nicht im idealen Mittelpunkt liegt, sondern exzentrisch. Eine entsprechende Exzentrizität des Schwerpunktes können wir auch für die Erde annehmen, wofür der Äquatorwulst und die ungleiche Verteilung von Landmassen und Weltmeer Anzeichen sind. Meiner ganz persönlichen Ansicht nach kann aber nur die Sonne selbst als Auslöser für Polsprünge der Erde in Betracht kommen, und dies ist m.M. nach auch in den meisten Mythen der Völker angezeigt.1

Anm. 1. H.-U. Niemitz hat kürzlich im Gespräch mit einem Fachprofessor für Mechanik in Berlin das Kreiselproblem klargestellt: Nach dem Satz von der Erhaltung der Energie und des Dralls bei kreiselnden Körpern wird bei einer kleinen Störung die Bewegungsumkehrung des rotierenden Körpers immer in einer sinusförmigen Drehung ablaufen. Darum ist das Modell des Umkehrkreisels in dieser Hinsicht auf die Erde übertragbar. Wir müssen uns nämlich vorstellen - wie Christoph Marx vor mehr als einem Jahrzehnt schon sagte [dazu auch C. Blöss 1991, 103] -‚ daß die Erde wie auch die anderen Planeten im interplanetaren Magnetfeld der Sonne gehalten werden und ihre Unwucht nur dann zur Wirkung kommen kann, wenn eine andere Kraft dieses Feld stört.
Um Mißverständmsse auszuräumen, sei noch angefügt: Mit der Bezeichnung “Rotationsachse kann sowohl die virtuelle als auch die körperliche Drehachse gemeint sein, wie H. Illig sich ausdrückte. Niemitz präzisierte das Problem so: Man muß anzeigen, ob man ein irdisches oder ein planetarisches Koordinatensystem als Rahmen anlegt. Mit einem irdischen Koordinatensystem würde man den direkt sichtbaren Sonnenlauf beschreiben, also z.B. den Sonnenaufgang über Gebirge oder Meer, was gewohnheitsmäßig als Osten definiert worden war. Mit einem nicht-irdischen Koordinatensystem wäre die Bewegungsrichtung des Sonnenlaufs vor dem Sternenhintergrund gemeint, die ein Beobachter normalerweise nicht sehen kann, die aber ein Astronm beobachten und ausdrücken kann. Letzteres war Argument von W. Marold. In den antiken und - wie wir noch sehen werden - heutigen Überliefe-rungen ist aber stets vom Sonnenlauf, wie ihn jeder normale Mensch sieht, die Rede. Wir haben also ein irdisches Koordinatensystem anzunehmen. (Anm. Ende)

2. Teil

Es gibt keinen Grund anzunehmen, der Auslöser für Polsprünge sei nach den letzten (mindestens vier) frühgeschichtlichen Ereignissen ausgeschaltet worden, so daß wir vor weiteren Taumelbewegungen sicher wären. Das Gegenteil dürfte eher wahr sein. Damit wird aber Velikovskys Diktum, daß alle Prophezeiungen künftiger “Weltuntergänge“ aus dem Trauma vergange-ner Katastrophen zu verstehen seien, in ein neues Licht gestellt. In meiner noch äußerst knappen Darstellung des Polsprungs [1977, 78], der meiner Meinung nach den iberischen Festlandsockel zerbrach und die “atlantische“ Kultur zerstörte, brachte ich schon zum Ausdruck, daß die Weissagungen der Hochreligionen entsprechende Aussagen über einen künftigen Polsprung enthalten und daß nur darin der Sinn für die Beständigkeit derartiger Uber-lieferungen zu suchen sei.
Bei der Auswertung “heiliger“ Texte fällt es jedoch nicht leicht, zwi-schen geschehenen und bevorstehenden Polsprungereignissen zu unterschei-den. So wurden die in der Offenbarung des Johannes [Kap.8. 5-12] be-schriebenen vier großen Katastrophen der Menschheit von einigen Auslegern als zukünftige Ereignisse angesehen, was meines Erachtens [Topper 1993, 133] falsch ist. So wie man zweifellos diese vier Ereignisse nicht zu einem einzigen zusammenkleben kann, so kann man sie auch nicht als Weissagung für die Zukunft ansehen, sondern nur als Überlieferung von vier früheren Katastrophen.
Dennoch enthalten die Offenbarung des Johannes, die Edda und viele andere sakrale Schriften nicht nur Erinnerungen, sondern auch Voraussagen von Katastrophen, und nur diese letzteren - ich möchte es wiederholen - ergeben eigentlich die Berechtigung für den ungeheueren Aufwand an Schweiß und Blut, der jahrhundertelang getrieben wurde, um diese Texte der Nachwelt zu erhalten.
Im Laufe meiner langjährigen Erforschung der Traditionen der Berber des Hohen Atlas in Marokko gelang es mir, eine derartige Perle, eine Weissagung über einen zukünftigen Polsprung, zu finden. Sie wurde in meiner deutschen Übersetzung der “Märchen der Berber“ (1986, 200) als letztes Märchen (Nr.63) veröffentlicht; der Inhalt, wie ihn 1979 ein Sufi-Meister aus der Gegend von Tarudannt im Sus (Süd-Marokko) erzählt hat, sei hier kurzgefaßt wiedergegeben:

“Das Ende der Zeit ist nahe, doch es ist noch sehr fern, denn das Tor der Verzeihung steht noch offen. Gebet und Mildtätigkeit sind noch sinnvoll.
‘Wenn das Tor der Verzeihung geschlossen wird, erscheint die Sonne drei Tage lang nicht mehr, so daß man sich fragen wird, was denn los sei. Dann geht sie über dem Meer (dem Atlantik, also im Westen) auf und steigt bis zur Mittagshöhe hinauf, kehrt um und nimmt denselben Weg wieder zurück ins Meer. Damit endet der vierte Tag, danach nimmt die Sonne wieder ihren gewohnten Lauf. Aber die Menschen leben dann ohne Nächstenliebe, ohne Friedfertigkeit, ohne Lehre.
Jene Welt wird großer sein als die heutige, und sie wird länger bestehen als die Welt von Anbeginn bis zum Schließen des Tores der Verzeihung bestanden hat, und es werden mehr Wesen auf ihr leben. Erst danach wird sie durch Feuer vernichtet werden.“

Sowohl der theologische Zusammenhang, den ich hier weitgehend wegließ, als auch die geophysikalische Aussage stehen im Widerspruch zur allgemei-nen islamischen Tradition (in die ein Sufi-Lehrstück normalerweise einzu-ordnen wäre; man vergleiche etwa Koran 18,18 [s. Topper 1994]. Darum lohnt es sich, dieser Weissagung besondere Aufmerksamkeit zu widmen. Die Übereinstimmung mit einzelnen Punkten der Edda und der Offenbarung des Johannes zeigen außerdem, daß es sich bei dieser schlichten Berberüberliefe-rung möglicherweise um ein altes Kernstück jenes Wissens handelt, das früher zwar weit verbreitet war, heute aber fast verloren oder bis zur Unkenntlichkeit entstellt ist.
Die letzten drei Aussagen des Sufi-Meisters: eine größere Erde, eine höhere Zahl an Lebewesen und die endgültige Vernichtung durch Feuer, finden sich auch in anderen sakralen Texten. Was die Vergrößerung der Erde betrifft, die ich seit 20 Jahren für einen wichtigen Faktor halte, möchte ich hier nur auf die Hypothesen von P. Jordan [1966], S.W. Carey [1976] und J. Pfeufer [1981] hinweisen. Die Vermehrung der Lebewesen zu unvorstellbarer Anzahl ist in jüdisch-christlichen Texten und im islamischen Hadith enthalten, und die endgültige Zerstörung der Erde durch Feuer vor allem in der Edda.

Das seltsame Verhalten der Sonnenbewegung, das der Sufi-Meister berichtet, ist jedoch nirgendwo sonst berichtet. Ich nehme an, daß es sich um eine echte Weissagung für zukünftige Ereignisse handelt. Dabei möchte ich nicht erörtern, ob eine derartige Aussage überhaupt möglich ist. Ich lasse offen, ob etwa hellseherische Vorausschau stattfand oder ob ein dem Son-nensystem innewohnendes Gesetz einzelnen Menschen einsichtig ist, oder ob vielleicht aus früheren Erdumkehrungen die entsprechenden Schlüsse gezo-gen wurden. Mir scheint, daß das Märchen Nr. 63 einen Polsprung be-schreibt, der von den für die Vergangenheit berichteten deutlich abweicht, also wohl auf die Zukunft hinweist, wie sein Überlieferer deutlich sagt.
Der Übersetzer meiner Berbermärchen ins Italienische, V. Brugnatelli [Milano 1994] bringt in seiner Anmerkung zu Märchen Nr. 63 zwei Hinwei-se, die den Rahmen erweitern: Ein gewisser Mohammed al-Awzali habe in einem seiner Gedichte Anfang des 18. Jh. schon von der Umkehrung des Sonnenlaufs gesprochen, und in Kabylien (Algerien) verstehe man unter “Umkehrung der Erde“ das Glänzen der Wesen der unteren in der oberen Welt. Das letztere möchte ich als Umkehrung der zirkumpolaren Sterne auffassen: “Wesen“, die früher am Südsternhimmel standen, stehen jetzt am Nordsternhimmel. Oben und unten sind also im heutigen Sinne definiert, und ich möchte diesen kabylischen Überlieferungsschatz als Hinweis auf einen Polsprung in frühgeschichtlicher Zeit im Velikovskyschen Sinne auffassen.

Afkir Mohand Auzäl - so war mir der Berberdichter aus dem Hohen Atlas aus Erzählungen bekannt [1986, 254) - ist auch in Europa veröffent-licht worden, und zwar durch B.H. Stricker [1960). Obgleich die Verse des berühmten Sufis der Nasiriya-Bruderschaft [Topper 1991, 182) den eschato-logischen Zusammenhang nicht ausdrücken, lohnt es sich sie zu zitieren:
316: “Das Tor der Verzeihung bleibt offen für den Menschen, bis er röchelnd den letzten Seufzer ausstößt. Dann schließt sich das Tor der Verzeihung.
317: Danach wird die Reue nicht mehr aufgenommen, es gibt keine Reue mehr bis zu dem Tage, an dem die Sonne im Westen aufgeht.“

Offensichtlich hat Auzäl hier ein zu seiner Zeit bekanntes Motiv eingeflochten und seiner sufischen Aussage dienstbar gemacht. Die isolierte Verwen-dung des Topos in seinem mehr als 600 Verse umfassenden religiösen Gedicht zeigt, daß es sich dabei um einen festen Begriff handelt.
Auzälis Vers von 1720 und die Weissagung des Sufi-Meisters von 1979 haben jedoch eines gemeinsam: daß beide einen Hinweis auf zukünftiges Geschehen geben. Rufen wir uns noch einmal ins Gedächtnis, was der Sufi--Meister über die nächste Taumelbewegung der Sonne vorausgesagt hat: Drei Tage lang scheint die Sonne nicht mehr, es bleibt Nacht. Dann geht die Sonne im Westen auf, steigt bis zum Zenit und geht darauf im Westen unter am vierten Tag. Danach nimmt sie wieder ihren gewohnten Lauf.

Dementsprechend müßte die erste Nacht etwa 60 Stunden lang gewesen sein. Bei solchen Angaben über die Länge des Ausnahmezustandes vergan-gener Polsprünge - etwa beim “Wunder des Josua“ - stellt sich natürlich sogleich die Frage, wie denn ein Mensch die Zeit abschätzen könne, wenn die normalen Bewegungen von Sonne und Sternen aussetzen. Vielleicht könnte man unseren Zeitsinn, die längst nachgewiesene “innere Uhr“ mit ihrem gleichmäßigen “Takt“, ins Spiel bringen oder die Anwendung gewis-ser antiker Chronometer wie Wasser- und Sanduhren, die ja seit Beginn des intensiven Ackerbaus in Asien zur Regulierung der Bewässerung in Gebrauch waren. Für unseren speziellen Fall in der Zukunft können wir wohl Uhren stillschweigend voraussetzen.
Dennoch möchte ich der Zeitangabe hier nicht übermäßiges Gewicht beilegen, weil diese dreieinhalb Tage der Taumelbewegung ausgerechnet den weltweit verbreiteten apokalyptischen Topos der 3½ Tage wiedergeben.

Wie können wir uns nun die Taumelbewegung der Erde entsprechend dieser Voraussage vorstellen? Es heißt, daß die Sonne eines fernen Tages im Meer untergehen und dann für länger als gewöhnlich Nacht sein wird. Die Erdbewegung müßte sich also so abspielen, daß der Ort Tarudannt ( T ) während einer längeren Zeit der Sonne abgekehrt ist. Demnach wäre in T, als das Schleudern begann, der Sonnenuntergang schon vorüber gewesen. Dann hatte sich der Ort T in der Schleuderbewegung nach unten und vor-warts (im Sinne der vorhin definierten Richtungen) bewegt, wobei er stets im Schattenbereich liegen muß. Der T auf der Erdkugel gegenüberliegende Punkt befände sich also durchgehend im Sonnenlicht. Auf halbem Weg nach Osten - in Palästina etwa - wäre der Tag schon am Mittag zu Ende [Amos 8, 9]. Im Verlaufe dieser Bewegung nimmt der Nordpol die kosmische Stellung des Südpols ein, verharrt dort aber nicht (wie in früheren Situationen), sondern beschreibt bei ungebrochener Rotation wieder eine Bewegung aufwärts in seine ursprüngliche Lage (es muß nicht die exakt selbe Stellung sein wie vorher). Auch diesen Vorgang haben wir am Stehauf-Kreisel häufig beobachtet. Im zweiten Teil des Schleuderns taucht die Westküste Afrikas, der Ort T, aus dem Schattenbereich ins Licht, d.h. die Sonne geht auf, und zwar über dem Meer, wenn auch vermutlich sehr weit südlich. Sie steigt bis zur Mittagshöhe, beschreibt dann einen Bogen und geht dann im Westen im Meer unter, etwa dort, wo sie es gewöhnlich tut. Dem weiteren normalen Sonnenlauf steht nichts im Wege.
Durch die doppelte Bewegung der Erdumkehrung liegt der Ort T vermutlich längere Zeit als nur einen Tag im Dunkel. Eine genauere Aussage möchte ich nicht hineinlesen.

Über den Auslöser der Taumelbewegung ist in dem Berbertext kein Hinweis enthalten. Bemerkenswert finde ich jedenfalls, daß auch Gott nicht als Verursacher genannt wird. Dies wäre im Einklang mit der griechischen Vorstellung, daß derartige Vorkommnisse „von Zeit zu Zeit“, also ohne erkennbaren Auslöser, zu erwarten seien.
Beachtenswert finde ich außerdem, daß die Menschheit durch den kommenden Polsprung keineswegs ausgerottet wird - wie in fast allen apokalyptischen Texten von den glücklichen Überlebenden die Rede ist - und daß dieser Weissagung zufolge erst eine viel spätere Katastrophe, durch Feuer, den endgültigen Schluß menschlicher Aktivität auf der Erde bewirken wird. Allerdings legt die Weissagung des Sufi-Meisters nahe, daß durch den Schock des Polsprungerlebnisses die Menschheit nicht mehr zur Mildtätig-keit, zu gegenseitiger Vergebung und zur Sinnesumkehr fähig sein wird. Das erinnert an die Phaethon-Mythe (Ovid, Metamorphosen 409f), wo der Ligurerfürst “eingedenk des grausam gesendeten Feuers (... ) stets noch mißtrauet dem Himmel.“

Literaturangaben

Blöss, Christian (1991): Planeten, Götter, Katastrophen; Frankfurt/M.
Carey, S. Warren (1976): The Expanding Earth; Amsterdam
Clube, Victor/ Napier, Bill (1990): The Cosmic Winter; Oxford, UK, Cambrid-ge, USA
Grazia, Alfred de (1981): Chaos and Creation; Princeton
- (1983): The Lately Tortured Earth; Princeton
Hapgood, Charles H. (1958): Earth‘s Shifting Crust; New York
Haßler, Gerd v. (1981) Wenn die Erde kippt; Bern München
Heilige Schrift, Übers. M. Luther (1905); Berlin
Hörbiger, Hanns/ Fauth, Philip (1913/1925): Glazialkosmogonie; Leipzig
Jordan, Pascual (1966): Die Expansion der Erde; Braunschweig
Kaiser, Peter (1971): Die Rückkehr der Gletscher; Wien
- (1976): Vor uns die Sintflut; München
Ovidius Naso (1944): Metamorphosen (Übersetzung Joh. H. Voß); Leipzig
Pfeufer, Johannes (1981): Die Gebirgsbildungsprozesse als Folge der Expansion der Erde; Essen
Reade, Michael G. (1983): “An Earth Inversion Model; in S.I.S. Review V (3) 96; London
Slabinski, Victor J. (1981): “A Dynamical Objection to Warlows Inversion of the Earth‘; in S.1.S. Review V (2) 54; V (3) 96
Stricker, B.H. (1960): L’Océan des pleurs; Leiden
Topper, Uwe (1977): Das Erbe der Giganten; Olten
- (1986): Märchen der Berber; Köln
- (2° 1991) Sufis und Heilige im Maghreb; Köln (1984)
- (1993): Das letzte Buch; München
Velikovsky, Immanuel (1983): Welten im Zusammenstoß; Frankfurt am Main (1950)
Warlow, Peter (1978): ‘Geomagnetic Reversals? ; in Journal of Physics, London und (1979) dito in S.I.S. Review 1(4)
- (1982): The Reversing Earth; London
Wegener, Alfred Paul (1927): Die Entstehung der Kontinente und Ozeane; Berlin
Wirth, Herman (1928): Aufgang der Menschheit; Jena

Uwe Topper 12051 Berlin Warthestr. 60
Mein besonderer Dank gebührt Dr. Horst Friedrich (Wörthsee), Winni Marold (Weinsberg) und Dr. Hans-Ulrich Niemitz (Berlin) für die Diskus-sion und Beschaffung der neuesten Literatur.

Vier Bemerkungen der Redaktion:

Die beiden Herausgeber möchten klarstellen, daß sie unverändert die Posi-tion Velikovskys teilen, derzufolge die apokalyptische Literatur mit ihren zahlreichen Prophezeiungen durchwegs von Traumata herrührt, die die Menschheit in einstigen Katastrophen erlitten hat.

(die weiteren Bemerkungen betreffen nicht meinen Artikel)
Zeitensprünge 1/95, S.73

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