Monaldi & Sorti: Das Mysterium der Zeit
 deutsch  english español français

Berlin · 2022  Uwe Topper topper


Monaldi & Sorti: Das Mysterium der Zeit
Kurze Besprechung eines Romans von 2011

Monaldi Titel

In meinem Nachtrag II zu "Hardouin – eine Abrechnung" habe ich, dem Hinweis von Rainer Schmidt folgend, schon auf das Buch "Das Mysterium der Zeit" von Monaldi und Sorti hingewiesen. Nach erneuter Lektüre ergaben sich weitere Bemerkung zu dem gewichtigen Buch, die ich hier anschließe.

"Das Mysterium der Zeit" von Monaldi & Sorti (Aufbau-Verlag Berlin 2011)"enthüllt (laut Werbetext) diesmal einen Betrug, der scheinbar nur für Philologen von Belang ist, in Wahrheit jedoch weitreichende Folgen hat: die Fälschung eines Großteils der uns überlieferten antiken Autoren. Das Römische Reich, die griechische Antike, das alte Ägypten hätten demnach nie existiert. Platon und Aristoteles, Julius Cäsar und Cicero entsprängen der Phantasie raffinierter Fälscher, und wir lebten heute nicht im 21., sondern eher im 18. Jahrhundert nach Christi Geburt. Kaum zu glauben? Und doch ist die neueste Enthüllung des berühmten Autorenduos das Ergebnis mehrjähriger fundierter Studien - brillant übersetzt in ein großes literarisches Abenteuer."

Na, nicht ganz richtig angepriesen, aber doch deutlich unsere Chronologiekritik einbeziehend. Sogar Heribert Illigs These von den (nur) drei Jahrhunderten, die übersprungen wurden, ist hier hineingemischt (was im Buch nicht so verwendet wurde).

Als Aufdecker der Fälschungen wird auch Jean Hardouin von den Autoren ausgiebig gefeiert, ja es werden (S. 776) sogar "illustre Vorgänger" von Hardouin genannt, die erkannten, daß berühmte Konzilien der Kirche nie stattgefunden hatten, sondern erfunden waren; so etwa der Humanist und Jesuit Antonio Possevino (siehe Canfora 2001), geboren 1534 in Mantua, gest.1611 in Ferrara, sowie der Gräzist Leone Allacci, geboren um 1586 auf Chios, gest. 1669.
Wir sehen hier die Linie der berühmten Jesuiten vorgebildet, die mit Launoy, Germon und Hardouin ihren Höhenflug nahm.
Monaldi und Sorti nennen neun ungedruckte Manuskripte Hardouins in der Nationalbibliothek Paris (auf der webseite der Autoren abgebildet), die sie eingesehen und erstmals gelesen haben, sowie drei weitere, die wegen ihres fragilen Zustands nicht fotografiert werden konnten. Sie betonen, daß die Originalhandschrift der Prolegomena nicht auffindbar sei und die Möglichkeit bestehe, daß sie teilweise oder völlig von anderer Hand geschrieben sein könnte.
Auf S. 72 bis 74 bringt der Roman die Zeittafel von Scaliger, wobei jemand fragt:
"Wußte man (vorher) wirklich nicht, in welchem Jahr die Ereignisse der Weltgeschichte stattgefunden hatten?" Die bekräftigende Antwort wird nach Kenntnisnahme der Tafel wiederholt: Scaliger hat sich diese Daten, die vorher nicht bekannt waren, ausgedacht.
Dazu kommt Kammeiers Diktum: Wer antike Texte liest, "hat niemals eine originale Handschrift vor sich. Es ist die Kopie einer Kopie einer Kopie von wer weiß wie vielen anderen vorhergehenden Kopien." Da der Roman im 17. Jh, spielt, ist diese Übernahme von Kammeiers Erkenntnissen etwas anachronistisch, aber gut gemeint.
Es werden auch die Entdecker der antiken Manuskripte, die zu unsterblichem Ruhm gelangten, namentlich genannt: in Spanien Antonio Augustin, in Frankreich Casaubonus, in Rom Baronius ...
Es wird grosso modo der Stand unserer Chronologiekritik referiert, wie er in meinem Buch "Fälschungen der Geschichte" (2001) S. 110-114 steht. Besser wäre gewesen, Monaldi und Sorti hätten auch meine neueren Bücher (2003, 2006) und die der Kollegen zum Thema gelesen.

Die phantastische Mischung aus plausiblen Geschichtsvorgängen und geradezu lächerlichen Wunderberichten in den 'Chroniken' der antiken Schriftsteller werden von den Autoren (S. 273-279) aufs Korn genommen, womit sie zeigen können, daß es sich um ausgedachte Geschichtsberichte handeln muß. Sie scheinen wie "absichtliche Scherze von jemandem, der sich einen Spaß daraus gemacht hat, sie mit akademischem Ernst zu erzählen und mit wohlklingenden Autorennamen zu versehen..." Die Autorennamen sind wohlgemerkt Cicero Herodot, Plutarch usw. Wenig später (S. 289-305) wird erneut der Unsinn in den antiken Texten angeprangert und (nach 17 Seiten Aufzählung) als "Zeitvertreib von Spaßvögeln" abserviert. Ob das den Kern trifft?
Es wird hier nämlich recht eingehend die Situation im 16. Jh. geschildert, der Streit zwischen Glauben und Wissenschaft. Ab S. 495, bes. 497, stellen die Autoren fest, daß Luther den Stoß gegen Kopernikus anführte; er wetterte ohne eine andere Begründung als die, daß Kopernikus gegen die Vernuft und den Glauben verstoße (siehe Topper 2016, S. 332 ff).

Im Anhang II "Die erfundene Zeit" (ab S. 773) decken die Autoren ihre Quellen auf, wobei auch unpassende Personen wie Velikovsky (S. 781) vorkommen.
Luciano Canfora wird höchst lobend und zustimmend eingebaut. Einer der Gesprächspartner sagt in Canforas Sinn: "Die Bibliothek von Alexandria? Erfunden. Die Berichte antiker Historiker? Alles Märchen." (S. 613).
Mir scheint, daß die Autoren ihr Buch schon fast fertig hatten, als sie auf unsere Arbeiten stießen und in den Rahmen ihrer Geschichte stellenweise die Dialoge um die Geschichtsfälschung einfügten, manchmal etwas unpassend. Die Vorarbeiten von Jean Hardouin, Nicolas Antonio, E. Johnson, W. Kammeier und Gunnar Heinsohn werden dabei großzügig vorgezogen, die ja keineswegs gegen 1600 in dieser fertigen Form vorlagen.
Im Zuge des Romans (S. 625) geschieht es, daß die Erkenntnisse über die erlogene Geschichte wieder verlorengehen (durch Mord, Feuer ...). "Die Wahrheit über die Geschichte und die Zeit ... verschwand. Die jahrhundertealten Lügen über Synkellos, Berossos, Manetho und andere, ... wurden wieder sorgfältig vertuscht."
Das erklärt die Anachronismen der Romanfiguren, stimmt jedoch in dieser knappen Ausführung nicht. Viele der Aufdeckungen wurden geklärt und niemehr vergessen, wie die Bleitafel-Fälschungen von Granada (siehe Mayans 1742; Julio Caro Baroja 1991; U. Topper 1998, S. 81 u.ö. http://www.ilya.it/chrono/dtpages/Caro%20Baroja.html).

Wo es um die Entnazifizierung der Akademie geht, machen die Autoren ihre Einstellung an einem krassen Beispiel deutlich: "Ein Vergleich der ideologischen Reinheit kann also für die Vertreter der anerkannten akademischen Gemeinschaft verfänglicher sein als für die 'Paria' der "kritischen Zeitrechnung." (S. 786)
Auch Illig ist dieser Haltung zum Opfer gefallen, wobei seine Gegner Borgolte und Erich Fried namentlich genannt werden.

Literatur
Caro Baroja, Julio (1991): Las Falsificaciones de la historia (en relación con la de España) (circulo de lectores, Barcelona, 218 S.) – (2° 1992, Seix Baral, Barcelona)
Canfora, Luciano (1986): La biblioteca scomparsa (Palermo)
Mayans y Siscar, Gregorio (1742): Censura de historias fabulosas, das Spätwerk von Nicolas Antonio (Valencia)

Die meisten hier erwähnten Autoren findet man auf unserer Seite "Wer-ist-wer".

Ich möchte einen Kommentar zu diesem Text schreiben:

zur Startseite