Detering: Falsche Zeugen
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Berlin · 2013  Uwe Topper topper

Detering, Hermann (2011): Falsche Zeugen. Außerchristliche Jesuszeugnisse auf dem Prüfstand (Alibri, Aschaffenburg)

Buchbesprechung von Uwe Topper

detering Dr. Hermann Detering (geb. 1953) ist ein kritischer evangelischer Theologe und war lange Jahre Pfarrer in Berlin. Sein Arbeitsfeld ist das frühe Christentum, speziell die Paulus-Briefe bzw. die Gestalt Simon des Magiers. Mit seinen sorgfältig erarbeiteten Schriften im Sinne der holländischen Radikalkritik hat er zur chronologiekritischen Forschung beigetragen, auch wenn er unseren Ansatz nicht übernommen hat. Die erneute Nutzbarmachung der Werke von Edwin Johnson und P. Hochart geht auf Detering zurück. Er ist außerdem ein begnadeter Maler. Heute lebt er frühpensioniert in der Altmark.

Der Titel seines neuen Buches verrät uns schon den ganzen Inhalt: die außerchristlichen Zeugnisse für einen historischen Jesus werden geprüft. Dabei fällt zunächst einmal auf, daß es in diesem Bereich keineswegs ein riesiges Konvolut alter Handschriften und Codizes zu untersuchen gilt, auch nicht einige hundert Textstellen, sondern – man glaubt es zunächst nicht – insgesamt nur sechs sehr kurze Textstücke, die schon von ihrem Wortlaut her als Fälschungen ausgeschieden werden müssen. Damit könnte das Buch bereits enden, denn wenn es für die in der gesamten neueren Geschichte so überaus wichtige Gestalt des Jesus Christus keine wirklich vertrauenswerten Zeugnisse seitens der Gegner oder Unbeteiligter gibt, dann kann von Historizität dieses Menschen nicht gesprochen werden.
Das Ergebnis steht damit fest: Einen historischen Menschen Jesus hat es nicht gegeben.
Das ist keine neue Erkenntnis, bringt auch keine neue Einstellung des Pfarrers zu seinem Glauben – darauf gehe ich wie der Autor am Schluß ein – sondern ist die Bestätigung einer seit mehr als hundert Jahren festgestellten Tatsache, die damals aufrüttelnd war und viele Gegner auf den Plan rief, heute aber im allgemeinen Unglauben wie eine Randbemerkung erscheint und kaum beachtet untergeht. Ganz zu Unrecht.
Es lohnt sich, Deterings Spurensuche nachzugehen, denn dabei werden nicht nur die wenigen Sätze, die eventuell für Jesus zeugen könnten, als unbrauchbar ausgeschieden, sondern es wird auch ein scharfes Licht auf die Fälschungspraktiken der Kirche geworfen. Diese Arbeit gibt unserer Chronologiekritik neue Hinweise. An einigen Stellen kann der Autor deutlich machen, mit welcher Raffinesse die Fälscher vorgegangen sind. Sie fühlten sich in die Situation der postulierten jungen Kirche und des sie umgebenden klassischen Heidentums hinein und schrieben ihre Zusätze in die heidnischen Texte dermaßen einfühlsam, daß selbst kritische Denker sich täuschen ließen. Deswegen sind bis heute nicht alle Fälschungen als solche einmütig erkannt worden.
Dies im Einzelnen nachzuvollziehen am Zeugnis des Tacitus oder des Flavius Josephus, wobei die Feinarbeit von Bruno Bauer und Arthur Drews fortgesetzt und noch übertroffen wird, überlasse ich dem neugierigen Leser. Es ist eine detektivische Jagd mit Überraschungen und plötzlichen Einblicken. Die Querverbindungen zwischen den gefälschten Texten und ihren Überlieferern, Synkellus etwa, sind aufmerksam mitzuverfolgen. Gar mancher Fund ist neu für uns, denn heute ist die Forschung noch um einiges gegenüber der um 1900 vorangekommen, so überraschend das klingen mag; Detering erklärt es gleich zu Anfang (S. 18): Die Möglichkeiten zur Analyse der alten Texte ist heute wesentlich präziser und auch komfortabler als noch vor einigen Jahrzehnten, denn mit Hilfe der elektronischen Datenbanken lassen sich einzelne Wörter, Begriffe und Zusammenhänge blitzschnell in fast der gesamten lateinisch-griechischen Literatur herausfinden. Das übersteigt die Fähigkeiten der genialsten Philologen des 19. Jahrhundert, die wir immer so bewundert haben. Mit der Digitalisierung ist ein neuer Schritt in der Textforschung erreicht, der alle Kenntnisse der damaligen Gelehrten in den Schatten stellt. Von diesem Instrumentarium wagte damals niemand auch nur zu träumen. Am Computer arbeitet es sich, als hätte man sich häuslich in der Bibliothek der Welt eingerichtet.
Schauen wir uns einige Details dieser Forschung an!
Die für die Diaspora-Vorstellung so wichtige Darstellung der Vertreibung des jüdischen Volkes durch die Römer, vorgeblich schon 70 n.Chr., etwas plausibler nach dem Bar-Kochba-Aufstand zwei Generationen später, ist das Werk der Kirche, und die Erfindung der Märtyrer beginnt wohl mit Origenes in ähnlichem Zusammenhang (S. 60 f). Diese Erkenntnis, die wir gerade erneut von Shlomo Sand (2012) erfahren haben, bricht sich also endlich Bahn. In Anmerkung 417 (zu S. 156) wird Shlomo Sands Buch von 2011 (siehe Besprechung hier im Januar 2011) in dieser Hinsicht ausdrücklich zitiert.
Punktweise Verbesserungen von Deterings Untersuchung sind wohl immer möglich, eine will ich hier vorschlagen (zu S. 68 f): Das berühmte Tacitus-Zeugnis (in den Annalen 15, 44 ) dürfte viel kürzer sein, als Detering annimmt. Für mich reicht es vollkommen aus, wenn wir nach Chrestiani (das zum Stammtext gehört) den Abschnitt „Der Urheber dieses Namens, Christus, ...“ bis „... des Hasses auf das Menschengeschlecht überführt wurde.“ streichen, und schon haben wir einen sinnvollen Tacitus-Text und – was noch wichtiger ist – Plausibilität für die Einfügung seitens eines Kirchenmannes. Diesen Abschnitt hat Severus, der Tacitus abschrieb, nicht übernommen, und das reicht mir als Hinweis, daß er später (als Severus) verfaßt wurde. Das vieldiskutierte Dilemma zwischen Chrestiani und Christus, also e oder i in der ersten Silbe, erledigt sich damit von selbst: Die beiden Wörter stammen von verschiedenen Schriftstellern.
Ein Geheimnis hat Detering aufgedeckt, indem er versuchsweise anzeigt, wer vermutlich Cäsars Bellum Gallicum geschrieben hat, dazu wahrscheinlich auch die zehn Bücher zur Architektur von Vitruv (151): ein gewisser Fra Giocondo aus Verona, laut Vasari dort 1435 oder bald danach geboren, als Architekt Jean Joyeux um 1500 in Paris tätig. Fra Giocondo sei Ordensbruder gewesen; welcher Orden ist unbekannt. Er verfaßte auch den 10. Band der Briefe von Plinius dem Jüngeren an Kaiser Trajan, der sich von den schon vorher verfaßten neun Briefbänden stark abhebt als Zugabe. Nun müssen wir, nachdem uns durch Detering der Fingerzeig gegeben wurde, den „lustigen Bruder“ (Fra Giocondo) überprüfen, denn nur er sah das angebliche Original der Briefe (S. 80). In dieser Arbeitsweise lebt Kammeiers Geist weiter, ein jüngerer Nachfolger wäre uns höchst willkommen.
An einigen Stellen spüre ich nämlich, daß Detering bei aller Strenge und Umsicht nicht hartnäckig genug vorgeht. Es scheint, daß er die Arbeiten der ihm gut bekannten Vorgänger wie Robinson und Hochart, Edwin Johnson und Wilhelm Kammeier, nicht einbeziehen will. Gerade Johnsons „runder Tisch“ zeichnet sich deutlich ab, wenn Detering die Kette der involvierten Fälscher aufrollt (S. 102 f): Tertullians Unsinn wird von Euseb (Synkellos) und Hieronymus zitiert, und ins gleiche Loch fallen Prosper Aquitanus, Frechulf, Marius Scotus und einige andere. Detering kennt sie alle, nennt aber nicht die illustre Tafelrunde um die Wende von 1500, die Johnson skizziert hat.
Die Folgerungen aus Deterings Arbeit für uns sind teilweise Bestätigungen, bewirken aber auch Verschiebungen der Akzente und liefern neue Begründungen. Es scheint mir nun eindeutig, daß zuerst die heidnischen Texte verfaßt wurden, und zwar nicht zum Zweck der Glorifizierung der Kirche von Rom, sondern als ehrlich gemeinte Wiedererweckung des Heidentums, und daß danach die wenigen katholischen Interpolationen stattfanden. Die „Fälscher“, eigentlich geniale Autoren, Bracciolini und Ennea Silvio (als Beispiele) waren noch echte Heiden (wie auch Paul C. Martin hervorhob), sie wurden vielleicht in späteren Jahren Mitglieder der katholischen Kirche (Silvio wurde Papst Pius „II“); vielleicht wurden auch nur ihre Schriften im Sinne der Kirche verwendet, denn das Vorbild für die Germania des „Tacitus“, das Silvio verfaßte, ist noch etwas verschieden von der endgültigen Ausgabe, die Ullrich von Hutten so laut pries (siehe Hutter 2000, besprochen hier Juli 2011).
Den späten Entstehungsvorgang der Kirche, der hierdurch aufgezeigt wird, hat Detering nicht verarbeitet. Wenn er glaubt, daß die frühhumanistischen Texte klerikale Erfindungen seien, irrt er. Die Kirche entstand damals gerade erst, als das antike Schriftwerk verfaßt wurde. Chronologie spielt doch eine Rolle! Wenn die frühen Humanisten heute der christlichen Kirche zugerechnet werden, dann ist das die eigentliche Verfälschung, die die Zusammenhänge verdunkelt.
Detering benützt (S. 110) das uns bisher nicht zugängliche frühe Werk von Polydore Hochart über die Neronische Christenverfolgung (1885), leider ohne den wichtigen Abschnitt zu zitieren (ansonsten zu Hochart siehe meine Besprechung hier 2009).
In diesem Zusammenhang überrascht mich einmal mehr, daß man die frühen zwölf Kaiser sehr sauber verschriftlicht hat, mit Münzen und Medallien, die spätere Dekadenz aber nur widersprüchlich und schlampig. Detering spricht auch von neuzeitlicher Spurenverwischung (S. 113), was bedeutet, daß nicht alle „Verbesserungen“ zu Lasten der Humanisten gehen, sondern fortlaufend, auch im 18. und 19. Jahrhundert, reichlich vorgenommen wurden.
Nicht alle Sätze wurden bereinigt. In der Auseinandersetzung um die Dunkelheit während der Kreuzigung, die als Sonnenfinsternis nicht durchgehen kann, blieb eine Bemerkung von Julius Africanus erhalten: es gab „Erdbeben, zerbrechende Felsen, Auferstehung der Toten und Bewegung des Kosmos.“ (S. 170) Dieser Hinweis auf die Weltallbewegung, die den bekannten anderen Ereignissen zugefügt wird, kann man auch in der Apologie des Tertullian lesen, was einigermaßen überrascht (S. 171): „In demselben Augenblick verschwand das Tageslicht, obwohl die Sonne Mittagshöhe zeigte. Dies hielten die, welche nicht wußten, dass auch dies in Betreff Christi vorhergesagt war, natürlich für eine bloße Sonnenfinsternis (deliquium). Und doch findet sich dieser Zwischenfall im Weltall in euren geheimen Archiven berichtet.“
Oder ist es das von Detering bewitzelte „Lokalkolorit“ (S. 180), das die Theologen immer wieder verrät, hier die geheimen Archive?
Gesamt gesehen ist „Falsche Zeugen“ ein Vorwurf an die Kirche, denn die Fälschungen dieser Zeugnisse gehen auf ihre Rechnung. Detering sagt (S. 57):
„Man sieht, dass es den Vertretern der Kirche in der Vergangenheit nicht nur gelang, christliche Schriften durch Beigabe von Geschichtsdaten historisch zu verlinken ((w.s. verknüpfen)), sondern auch die Profanliteratur durch christliche Interpolationen und Unterschiebungen gefälschter Dokumente zu ‚unterwandern‘ und auf diese Weise selbst nichtchristliche Persönlichkeiten des Altertums für sich zu vereinnahmen.“
Zu wiederholen wäre, daß es insgesamt verschwindend wenige Zeugnisse sind: es bleiben nach erster Sichtung nur sechs, davon bekannt sind nur vier – Sueton, Tacitus, Josephus und Plinius sec. – am Ende hat kein einziges irgendeinen Wert. Darum muß ich mich fragen, warum die Kirchenleute nicht fleißiger oder klüger waren.
Eins stellt der Autor ebenfalls klar (S. 184): „Solche Mutmaßung hat nichts mit ‚Verschwörungstheorie‘ zu tun, sondern berücksichtigt die Gepflogenheiten christlicher Kopisten in der Antike und den einfachen Grundsatz, dass Sieger Geschichte schreiben.“ Das möchte man zugestehen, wobei ich mich jedoch an dem Wort „Antike“ störe, denn auf derselben Seite (und auch sonst häufig) stellt Detering klar, daß z.B. die ältesten Schriftstücke des Josephus (Jüd. Altertümer) aus dem 11. Jh. stammen, und der 10. Band der Pliniusbriefe um die Wende zum 15. Jh. erst öffentlich wurde (Druckfehler im Buch, es muß Wende zum 16. Jh. heißen).
Die mutigen Klärungen der Kirchengeschichte durch Detering sind Dank wert. Seine Ablehnung der „theologischen Geschäftsgrundlage“ (S. 187) könnte durchaus Leid nach sich ziehen, weshalb er in diesem Zusammenhang wie eine Mahnung Bruno Bauers Schicksal erwähnt (S. 187), „der sich zu weit aus dem Fenster herausgelehnt hatte und von seinem Lehramt suspendiert wurde, um seinen Lebensunterhalt fortan als Rixdorfer Grünkramhändler zu fristen.“ Sein vom Senat gestiftetes Ehrengrab in Berlin-Rixdorf wird nur selten von frommen Händen geschmückt.
Nun aber, in den letzten Seiten, kommt Detering zum eigentlichen Anliegen, nämlich der Frage: Was bleibt vom Christentum, wenn dessen historische Zentralfigur ausfällt? „Und doch ist es notwendig, immer wieder ausdrücklich darauf hinzuweisen, dass die zentrale Gestalt einer Religion, die wie keine andere den Anspruch erhebt, auf historisch verifizierbaren Ereignissen zu gründen, deren Glaube von einigen Theologen mit exklusivem Stolz als ‚wesentlich geschichtlicher Glaube‘ (Küng) definiert wird, in der Geschichte ihrer Zeit offenbar so wenig Spuren hinterlassen hat, dass nicht ein einziges nichtchristliches Zeugnis genannt werden kann, das ihre Existenz sicher belegt.“
Wenn wir uns das Glaubensbekenntnis der Christen anschauen, verstehen wir, daß dieses von geschichtlichen Ereignissen getragene Credo bei Wegfall derselben lächerlich wird.
Dagegen hilft nur die radikale Abkehr von Historizierung und Manipulation, die Zuwendung zum allgemeingültigen Kosmokrator, dem Herrn Christus, wie er zeitlos geglaubt wurde, bevor eine verblendete Kirche dessen echtes Zeugnis löschte. Es bleibt die Fleischwerdung des Wortes als Mythos und damit ein echt religiöses Geistesfeld, das zu verteidigen überflüssig ist, weil es als menschliches Bedürfnis und höchste Erkenntnis ein Eigenleben besitzt. Anstelle ein „unzumutbares Monstrum“ anzubeten, täte die Kirche gut daran, „endlich auch einem konsequent geschichtlichen Denken Einlass in Theologie und Verkündigung zu gewähren.“ (S.191)
Dies mag wie eine Reinwaschung klingen, ist aber in der Nachfolge großer evangelischer Denker vorgebracht und hat seine eigene Seinsberechtigung.

Literaturhinweise

Detering, Hermann (1992): Paulusbriefe ohne Paulus? (Diss., Frankfurt/M)
(1995): Der gefälschte Paulus. Das Urchristentum im Zwielicht (Düsseldorf)
(2011): Falsche Zeugen. Außerchristliche Jesuszeugnisse auf dem Prüfstand (Alibri, Aschaffenburg)

Hochart, Polydore (1885):Études au sujet de la persécution des chrétiens sous Neron (Paris)
(1890) : De l’authenticité des annales et des histoires de Tacite (Paris)

Hutter, Peter (2000):Germanische Stammväter und römisch-deutsches Kaisertum (OLMS Hildesheim)
Johnson, Edwin (1887): Antiqua Mater, A Study of Christian Origins (Trübner a. Co., London)
(1894): The Pauline Epistles (Watts and Co., London)

Martin, Paul C. (1994-1995):»Wie stark erhellen Münzen die ›dark ages‹ in Italien?« I-III(VFG/ZS, 4–94; 2–95; 3–95)
Sand, Shlomo (2011): Die Erfindung des jüdischen Volkes (a. d. Hebr.; Ullstein, Berlin)
(2012): Die Erfindung des Landes Israel (Ullstein Berlin)

Topper, Uwe (1998):Die Große Aktion (Tübingen)

Besprechungen: Hutter - Sand I - Hochart

Uwe Topper 11. 2. 2013

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